|
| Bild: pixelio |
Gluten kommt in der Kleber-Eiweißschicht des Getreidekorns (Weizen, Roggen, Hafer, Gerste) vor und löst bei manchen Menschen eine Überreaktion des Immunsystems aus. Die Immunzellen bilden Abwehrstoffe, so genannte Antikörper, gegen körpereigene Zellen des Dünndarms, die Zöliakie wird deshalb auch zu den Autoimmunerkrankungen gezählt. Die Immunreaktion kann zu einer Rückbildung der Schleimhaut führen, so dass die geschädigten Bereiche des Dünndarms Nahrungsbestandteile nicht mehr ausreichend aufnehmen können (Malabsorption).
Typische Symptome einer Zöliakie sind Durchfälle mit fetthaltigem Stuhl, Blähungen, ein aufgetriebener Bauch, Blässe, Gewichtsverlust, eingeschränkte körperliche Leistungsfähigkeit und Mangelerscheinungen durch die gestörte Nährstoffaufnahme. Bei Kindern können häufig Wachstumsstörungen hinzukommen.
Die Zöliakie gehört zu den häufigsten lebenslangen Erkrankungen in vielen Industrieländern. Schätzungen zufolge sind 0,5-1% der Bevölkerung betroffen, wobei Frauen etwa 3-mal häufiger erkranken als Männer. Man muss allerdings von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, so dass die Häufigkeit der Erkrankung deutlich höher liegen dürfte. Zudem ist die Zahl der Zöliakie-Erkrankungen in Europa während der vergangenen 40 Jahre von 0,8 pro100 000 Einwohner auf 9,4 pro 100.000 Einwohner angestiegen.
|
| Bild: Dünndarmwand mit Zotten. |
Verwandte ersten Grades von Zöliakie-Patienten, also Eltern, Geschwister oder Kinder, leiden häufig ebenfalls unter der Erkrankung. Genetische Ursachen sind also offenbar an der Entstehung beteiligt. In der Tat weisen fast alle Betroffenen die so genannten Histokompatibilitätsantigene HLA DQ2 und DQ8 auf. Allerdings trägt auch ein Viertel aller gesunden Menschen diese Gene in sich ohne zu erkranken. Fachleute gehen deshalb davon aus, dass noch weitere Faktoren zusammen treffen müssen, um die Gluten-Unverträglichkeit auszulösen. Dazu zählen weitere bislang unbekannte Gene, möglicherweise aber auch Infektionen, Umwelteinflüsse oder die Dauer der Stillzeit im Säuglingsalter.
|
| Bild: Gewebeschichten der Dünndarmwand. |
Als Folge dieser entzündlichen Prozesse bilden sich die Dünndarmzotten zurück, so dass die Darmoberfläche kleiner wird und Nahrungsbestandteile nicht mehr ausreichend aus dem Darm aufgenommen werden können.
Die Art und Weise der Säuglingsernährung ist wahrscheinlich ein beeinflussbarer Risikofaktor für die Entstehung einer Zöliakie. So haben Kinder, die bis zu ihrem 6. Lebensmonat von ihren Müttern gestillt wurden, ein geringeres Risiko für die Entstehung einer Zöliakie. Offenbar stärkt Muttermilch das Immunsystem und führt zu einer Toleranz gegenüber Gluten. Zudem scheint entscheidend, dass der ersten Beikost nicht zu große Mengen an glutenhaltigen Lebensmitteln beigesetzt sind.
Darüber hinaus haben Frauen sowie Menschen mit einer bestimmten genetischen Veranlagung ein höheres Erkrankungsrisiko.
Die Symptome der Zöliakie sind uneinheitlich und von Mensch zu Mensch unterschiedlich. In den meisten Fällen ruft eine Gluten-Unverträglichkeit sogar überhaupt keine Krankheitszeichen hervor. Patienten mit Beschwerden sind vielmehr die Spitze des Eisbergs. Die schwersten Symptome ruft die Erkrankung bei Kindern hervor. Dazu zählen Durchfälle, ein voluminöser, breiiger und übel riechender Stuhl von grauweißlicher glänzender Farbe mit erhöhtem Fettanteil, aufgetriebene Bäuche, dünne Arme und Beine. Bei Erwachsenen sind die Symptome weniger ausgeprägt.
Je nach Alter der Erkrankten sind unterschiedliche Leitsymptome typisch:
Kleinkinder
Wachstumsstörungen, Rachitis, Blähungen, Bauchschmerzen, Erbrechen, Durchfälle, Eiweißmangel-Ödeme, Psychische Veränderungen wie Weinerlichkeit, Müdigkeit, Lustlosigkeit und Apathie
Ältere Kinder
Bauchschmerzen, Verstopfung, Minderwuchs, Knochenschwäche, Knochenschmerzen, Gelenkentzündungen, Zahnschmelzdefekte, Eisenmangelanämien, psychische Auffälligkeiten, Reizbarkeit, schulische Leistungsschwäche, verzögerte Pubertät
Erwachsene
Wechselnde Stühle mit Neigung zum Durchfall, Völlegefühl, Blähungen mit Winden, Gewichtsabnahme, Knochenschmerzen, Osteoporose, Muskelschwäche, Müdigkeit, verminderte Sexualfunktion, Appetitlosigkeit oder ständiger Hunger, Eiweißmangel, Vitaminmangel, Nierenerkrankungen, Unfruchtbarkeit, Menstruationsstörungen, chronische Magenschleimhautentzündungen, Depressionen, Eiweißmangel-Ödeme
Je nach Erscheinungsbild kann die Zöliakie in 3 Kategorien unterteilt werden:
Normale Dünndarmschleimhaut unter Normalkost, entzündete Darmschleimhaut mit Beschwerden unter glutenreicher Kost.
Keine Veränderungen an der Dünndarmschleimhaut, dafür aber Immunreaktionen nachweisbar, wie z. B. Bildung von Antikörpern.
Zahlreiche Untersuchungen konnten zeigen, dass die Zöliakie zusammen mit anderen Autoimmunerkrankungen auftreten kann. Dabei steigt offenbar die Gefahr von weiteren Immunerkrankungen, je länger eine Zöliakie unbehandelt bleibt. Beispiele für Autoimmunerkrankungen, die gemeinsam mit einer Zöliakie vorkommen können, sind:
Zudem tragen Menschen mit Zöliakie bei Nichteinhaltung der empfohlenen Diät ein erhöhtes Risiko für die Entstehung eines T-Zell-Lymphoms.
Eine sichere Zöliakie-Diagnose basiert auf 3 Säulen:
Da bei einer Zöliakie Antikörper gebildet werden, kommt ihrem Nachweis im Blut größte Bedeutung bei. Zuvor muss jedoch ein so genannter IgA-Mangel, der bei ca. 2% der Patienten vorliegt, ausgeschlossen werden. Folgende IgA-Antikörper werden bestimmt:
Gliadin-Antikörper (AGA):
Dienen zur Erkennung von Zöliakie-Patienten, sie können aber auch bei gesunden Menschen vorkommen.
Endomysium-Antikörper (EMA-AK):
Kommen fast ausschließlich bei Zölikakie-Patienten vor. Treten bei fast allen Patienten auf, fehlen allerdings häufig bei Kindern unter 2 Jahren.
Gewebs-Transglutaminase-Antikörper (tTG):
Sind bei fast allen Patienten nachweisbar, gesunde Menschen sind fast immer frei davon.
Der Antikörper-Nachweis allein reicht jedoch nicht für eine endgültige Diagnosestellung aus. Er gilt lediglich als Verdachtsmoment für eine Zöliakie. Die gesicherte Diagnose kann nur durch eine Gewebeuntersuchung des Dünndarms gestellt werden (Biopsie). Die entnommenen Gewebeproben werden mikroskopisch auf typische Veränderungen der Dünndarmschleimhaut hin untersucht. Mit Hilfe der so genannten Marsh-Kriterien wird der Zustand des Gewebes eingeteilt:
Ein weiteres zuverlässiges Diagnosekriterium ist für den Arzt, wenn eine glutenfreie Diät zum Abklingen der Symptome führt.
Die Zöliakie kann bislang nicht geheilt werden. Die einzige wirksame Behandlung besteht in einer lebenslangen glutenfreien Ernährung. Das bedeutet für die Betroffenen, alle Nahrungsmittel, die auf Getreide basieren, auch in geringsten Mengen zu meiden, da bereits winzigste Mengen an Gluten den Krankheitsprozess wieder ankurbeln.
Folgende Nahrungsmittel sind glutenfrei und sind für Zöliakie-Patienten unproblematisch:
Glutenhaltige Lebensmittel sind dagegen die meisten Getreidesorten (Roggen, Gerste, Hafer, Grünkern, Dinkel) und daraus gewonnene Produkte wie Gries, Brot, Kuchen, Kekse, Teigwaren, Bier und Malzkaffee.
Besondere Vorsicht muss bei Fertigprodukte gelten, deren Zusatzstoffen wie Stabilisatoren und Verdickungsmittel häufig Gluten enthalten. Seit 2005 besteht eine Deklarationsvorschrift für glutenhaltige Lebensmittel. Diese Vorschrift gilt ohne Einschränkungen in allen Ländern der Europäischen Union.
Fett sollte zu Beginn der Diät nur eingeschränkt gegessen werden (20-30 Gramm pro Tag), da die Fettaufnahme im Dünndarm erst wieder in Gang kommen muss. Dasselbe gilt für Milchprodukte, denn viele Zöliakie-Patienten vertragen keinen Milchzucker (Laktoseintoleranz). Bei ihnen führt auch Laktose zu einer Unverträglichkeitsreaktion.
Die Zöliakie hat keinen Einfluss auf die Lebenserwartung der Betroffenen, wenn sie eine glutenfreie Diät konsequent einhalten. Bei den meisten Patienten entwickeln sich die Entzündungsprozesse im Dünndarm innerhalb weniger Monate zurück und sie sind praktisch beschwerdefrei. In einigen wenigen Fällen handelt es sich um so genannte diätresistente Formen der Zöliakie, die mit Immunsuppressiva, also Medikamenten, die das Immunsystem drosseln, behandelt werden müssen.
Gerade zu Beginn der Nahrungsumstellung, wenn sich die Dünndarmschleimhaut wieder im Aufbau befindet, kann es zu Begleiterscheinungen und Komplikationen, wie Darmverschluss, Durchfall, Verlust von Elektrolyten und Bauchschmerzen kommen, die behandelbar sind und im Rahmen des fortschreitenden Gesundungsprozess verschwinden.
Viele Betroffene sind nach der Diagnose „Zöliakie" zunächst unsicher, wie sie ihren Alltag glutenfrei gestalten können. Auch wenn es schwierig erscheint, muss der private Haushalt sorgfältig umgestellt werden:
Überprüfen Sie vorhandene Lebensmittel auf Glutenfreiheit und sortieren Sie diese im Zweifelsfall aus. Deutsche Zöliakie Gesellschaft e.V.
Filderhauptstraße 61
70599 Stuttgart
Tel.: 0711 / 45 99 81 - 0
Fax: 0711 / 45 99 81 - 50
E-Mail: info@dzg-online.de
www.dzg-online.de
Deutsche Gesellschaft für Autoimmun-Erkrankungen e. V.
Universitätshautklinik
Schittenhelmstraße 7
24105 Kiel
Tel.: 0431 / 570 81 25
Fax: 0431 / 570 81 27
E-Mail: info@autoimmun.org
www.autoimmun.org
Zöliakie-Treff
www.zöliakie-treff.de
Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.
Godesberger Allee 18
53175 Bonn
Tel.: 0228 / 37 76 - 600
Fax: 0228 / 37 76 - 800
E-Mail: www.dge.de/
www.dge.de
Zöliakie: Mehr wissen - besser verstehen
Andrea Hiller
Trias, 2006
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 3-83043-314-X
Natürlich glutenfrei. Alltagsratgeber bei Zöliakie und Sprue
Dr. Bettina Pabel
Pala Verlag, 2005
Preis: 14,00 Euro
ISBN-10: 3-89566-204-6
Köstlich essen bei Zöliakie
Andrea Hiller
Trias, 2005
Preis: 19,95 Euro
ISBN-10: 3-83043-232-1
© Copyright by Monks - Ärzte im Netz GmbH