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Zöliakie - Gluten-Unverträglichkeit



Was ist Zöliakie?


Die Zöliakie ist eine genetisch bedingte Nahrungsmittel-Unverträglichkeit gegen Gluten, die unbehandelt zu einer chronischen Schädigung der Dünndarmschleimhaut führt. Tritt eine Gluten-Unverträglichkeit bereits im Kleinkindalter auf, wird sie als Zöliakie bezeichnet, bei einem Krankheitsbeginn im Erwachsenenalter wird sie einheimische Sprue oder Gluten-sensitive Enteropathie genannt.

Gluten kommt in der Kleber-Eiweißschicht des Getreidekorns (Weizen, Roggen, Hafer, Gerste) vor und löst bei manchen Menschen eine Überreaktion des Immunsystems aus. Die Immunzellen bilden Abwehrstoffe, so genannte Antikörper, gegen körpereigene Zellen des Dünndarms, die Zöliakie wird deshalb auch zu den Autoimmunerkrankungen gezählt. Die Immunreaktion kann zu einer Rückbildung der Schleimhaut führen, so dass die geschädigten Bereiche des Dünndarms Nahrungsbestandteile nicht mehr ausreichend aufnehmen können (Malabsorption).

Typische Symptome einer Zöliakie sind Durchfälle mit fetthaltigem Stuhl, Blähungen, ein aufgetriebener Bauch, Blässe, Gewichtsverlust, eingeschränkte körperliche Leistungsfähigkeit und Mangelerscheinungen durch die gestörte Nährstoffaufnahme. Bei Kindern können häufig Wachstumsstörungen hinzukommen.

Die Zöliakie gehört zu den häufigsten lebenslangen Erkrankungen in vielen Industrieländern. Schätzungen zufolge sind 0,5-1% der Bevölkerung betroffen, wobei Frauen etwa 3-mal häufiger erkranken als Männer. Man muss allerdings von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, so dass die Häufigkeit der Erkrankung deutlich höher liegen dürfte. Zudem ist die Zahl der Zöliakie-Erkrankungen in Europa während der vergangenen 40 Jahre von 0,8 pro100 000 Einwohner auf 9,4 pro 100.000 Einwohner angestiegen.


Ursachen der Zöliakie


Die genauen Ursachen, die zu einer Unverträglichkeit gegenüber Gluten führen können, sind noch immer unbekannt. Wahrscheinlich löst aber eine Kombination aus genetischer Veranlagung und äußeren Umwelteinflüssen die Zöliakie aus. Neuesten Erkenntnissen zufolge ist die Darmwand bei einer Gluten-Unverträglichkeit durchlässig für teilweise verdaute Gluten-Moleküle, die so in den Körper gelangen und dort eine Überreaktion des Immunsystems hervorrufen können.

Verwandte ersten Grades von Zöliakie-Patienten, also Eltern, Geschwister oder Kinder, leiden häufig ebenfalls unter der Erkrankung. Genetische Ursachen sind also offenbar an der Entstehung beteiligt. In der Tat weisen fast alle Betroffenen die so genannten Histokompatibilitätsantigene HLA DQ2 und DQ8 auf. Allerdings trägt auch ein Viertel aller gesunden Menschen diese Gene in sich ohne zu erkranken. Fachleute gehen deshalb davon aus, dass noch weitere Faktoren zusammen treffen müssen, um die Gluten-Unverträglichkeit auszulösen. Dazu zählen weitere bislang unbekannte Gene, möglicherweise aber auch Infektionen, Umwelteinflüsse oder die Dauer der Stillzeit im Säuglingsalter.

 
Bild: Gewebeschichten der
Dünndarmwand.
Die verschiedenen schädigenden Abschnitte des Gluten-Moleküls enthalten große Mengen der Aminosäuren Prolin und Glutamin. Diese Aminosäuren führen bei sensibilisierten Menschen zu einer Kettenreaktion sowohl in der Dünndarmschleimhaut als auch des Immunsystems. Zunächst binden die schädigenden Abschnitte des Glutens an die Oberfläche der Schleimhautzellen und hier insbesondere an die verstärkt gebildeten HLA-DQ2-Antigene. Erst diese Bindung löst eine kaskadenartige Aktivierung des Immunsystems aus, die in einer Entzündung gipfelt und in deren Folge unterschiedliche Antikörper ausgeschüttet werden. Es sind zum einen Antikörper gegen das Gliadin (AGA) aber auch so genannte Autoantikörper, also Antikörper, die gegen körpereigenes Gewebe gerichtet sind, z. B. Endomysium-Antikörper (EMA-AK) und Gewebstransglutaminase-Antikörper (tTG-AK).

Als Folge dieser entzündlichen Prozesse bilden sich die Dünndarmzotten zurück, so dass die Darmoberfläche kleiner wird und Nahrungsbestandteile nicht mehr ausreichend aus dem Darm aufgenommen werden können.


Risikofaktoren bei Zöliakie


Risikofaktoren für die Zöliakie, Gluten-UnverträglichkeitDie Art und Weise der Säuglingsernährung ist wahrscheinlich ein beeinflussbarer Risikofaktor für die Entstehung einer Zöliakie. So haben Kinder, die bis zu ihrem 6. Lebensmonat von ihren Müttern gestillt wurden, ein geringeres Risiko für die Entstehung einer Zöliakie. Offenbar stärkt Muttermilch das Immunsystem und führt zu einer Toleranz gegenüber Gluten. Zudem scheint entscheidend, dass der ersten Beikost nicht zu große Mengen an glutenhaltigen Lebensmitteln beigesetzt sind.

Darüber hinaus haben Frauen sowie Menschen mit einer bestimmten genetischen Veranlagung ein höheres Erkrankungsrisiko.


Anzeichen & Symptome der Zöliakie


Symptome der ZöliakieDie Symptome der Zöliakie sind uneinheitlich und von Mensch zu Mensch unterschiedlich. In den meisten Fällen ruft eine Gluten-Unverträglichkeit sogar überhaupt keine Krankheitszeichen hervor. Patienten mit Beschwerden sind vielmehr die Spitze des Eisbergs. Die schwersten Symptome ruft die Erkrankung bei Kindern hervor. Dazu zählen Durchfälle, ein voluminöser, breiiger und übel riechender Stuhl von grauweißlicher glänzender Farbe mit erhöhtem Fettanteil, aufgetriebene Bäuche, dünne Arme und Beine. Bei Erwachsenen sind die Symptome weniger ausgeprägt.

Je nach Alter der Erkrankten sind unterschiedliche Leitsymptome typisch:

Kleinkinder

Wachstumsstörungen, Rachitis, Blähungen, Bauchschmerzen, Erbrechen, Durchfälle, Eiweißmangel-Ödeme, Psychische Veränderungen wie Weinerlichkeit, Müdigkeit, Lustlosigkeit und Apathie

Ältere Kinder

Bauchschmerzen, Verstopfung, Minderwuchs, Knochenschwäche, Knochenschmerzen, Gelenkentzündungen, Zahnschmelzdefekte, Eisenmangelanämien, psychische Auffälligkeiten, Reizbarkeit, schulische Leistungsschwäche, verzögerte Pubertät

Erwachsene

Wechselnde Stühle mit Neigung zum Durchfall, Völlegefühl, Blähungen mit Winden, Gewichtsabnahme, Knochenschmerzen, Osteoporose, Muskelschwäche, Müdigkeit, verminderte Sexualfunktion, Appetitlosigkeit oder ständiger Hunger, Eiweißmangel, Vitaminmangel, Nierenerkrankungen, Unfruchtbarkeit, Menstruationsstörungen, chronische Magenschleimhautentzündungen, Depressionen, Eiweißmangel-Ödeme

Je nach Erscheinungsbild kann die Zöliakie in 3 Kategorien unterteilt werden:

Latente Zöliakie

Normale Dünndarmschleimhaut unter Normalkost, entzündete Darmschleimhaut mit Beschwerden unter glutenreicher Kost.

Stille oder auch potentielle Zöliakie

Keine Veränderungen an der Dünndarmschleimhaut, dafür aber Immunreaktionen nachweisbar, wie z. B. Bildung von Antikörpern.

Klassische Zöliakie mit dem Auftreten folgender 3 Symptome

  • Rückbildung der Dünndarmzotten
  • Verschlechterte Nährstoffaufnahme mit Zeichen der Mangelernährung
  • Besserung der Symptome unter glutenfreier Ernährung

Auswirkungen & Komplikationen


Zahlreiche Untersuchungen konnten zeigen, dass die Zöliakie zusammen mit anderen Autoimmunerkrankungen auftreten kann. Dabei steigt offenbar die Gefahr von weiteren Immunerkrankungen, je länger eine Zöliakie unbehandelt bleibt. Beispiele für Autoimmunerkrankungen, die gemeinsam mit einer Zöliakie vorkommen können, sind:

Zudem tragen Menschen mit Zöliakie bei Nichteinhaltung der empfohlenen Diät ein erhöhtes Risiko für die Entstehung eines T-Zell-Lymphoms.


Untersuchungen & Diagnose


Untersuchungen und Diagnose bei Zöliakie, Gluten-UnverträglichkeitEine sichere Zöliakie-Diagnose basiert auf 3 Säulen:

  • Antikörperbestimmung
  • Gewebeuntersuchung
  • Wirkung von Gluten auf die Symptome

Da bei einer Zöliakie Antikörper gebildet werden, kommt ihrem Nachweis im Blut größte Bedeutung bei. Zuvor muss jedoch ein so genannter IgA-Mangel, der bei ca. 2% der Patienten vorliegt, ausgeschlossen werden. Folgende IgA-Antikörper werden bestimmt:

Gliadin-Antikörper (AGA):

Dienen zur Erkennung von Zöliakie-Patienten, sie können aber auch bei gesunden Menschen vorkommen.

Endomysium-Antikörper (EMA-AK):

Kommen fast ausschließlich bei Zölikakie-Patienten vor. Treten bei fast allen Patienten auf, fehlen allerdings häufig bei Kindern unter 2 Jahren.

Gewebs-Transglutaminase-Antikörper (tTG):

Sind bei fast allen Patienten nachweisbar, gesunde Menschen sind fast immer frei davon.

Der Antikörper-Nachweis allein reicht jedoch nicht für eine endgültige Diagnosestellung aus. Er gilt lediglich als Verdachtsmoment für eine Zöliakie. Die gesicherte Diagnose kann nur durch eine Gewebeuntersuchung des Dünndarms gestellt werden (Biopsie). Die entnommenen Gewebeproben werden mikroskopisch auf typische Veränderungen der Dünndarmschleimhaut hin untersucht. Mit Hilfe der so genannten Marsh-Kriterien wird der Zustand des Gewebes eingeteilt:

  • Marsh 0 = normale Dünndarmschleimhaut
  • Marsh 1 = vermehrtes Auftreten von Immunzellen (Lymphozyten)
  • Marsh 2 = Vertiefung der Zwischenräume zwischen den Zotten (Kryptenhyperplasie)
  • Marsh 3a = teilweise Rückbildung der Dünndarmzotten
  • Marsh 3b = annähernd totale Rückbildung der Dünndarmzotten
  • Marsh 3c = totale Rückbildung der Dünndarmzotten

Ein weiteres zuverlässiges Diagnosekriterium ist für den Arzt, wenn eine glutenfreie Diät zum Abklingen der Symptome führt.


Behandlung der Zöliakie


Behandlung der ZöliakieDie Zöliakie kann bislang nicht geheilt werden. Die einzige wirksame Behandlung besteht in einer lebenslangen glutenfreien Ernährung. Das bedeutet für die Betroffenen, alle Nahrungsmittel, die auf Getreide basieren, auch in geringsten Mengen zu meiden, da bereits winzigste Mengen an Gluten den Krankheitsprozess wieder ankurbeln.

Folgende Nahrungsmittel sind glutenfrei und sind für Zöliakie-Patienten unproblematisch:

  • Mais und Maisprodukte
  • Reis, Hirse, Amaranth und Buchweizen
  • Kartoffeln, Gemüse, Obst

Glutenhaltige Lebensmittel sind dagegen die meisten Getreidesorten (Roggen, Gerste, Hafer, Grünkern, Dinkel) und daraus gewonnene Produkte wie Gries, Brot, Kuchen, Kekse, Teigwaren, Bier und Malzkaffee.

Besondere Vorsicht muss bei Fertigprodukte gelten, deren Zusatzstoffen wie Stabilisatoren und Verdickungsmittel häufig Gluten enthalten. Seit 2005 besteht eine Deklarationsvorschrift für glutenhaltige Lebensmittel. Diese Vorschrift gilt ohne Einschränkungen in allen Ländern der Europäischen Union.

Fett sollte zu Beginn der Diät nur eingeschränkt gegessen werden (20-30 Gramm pro Tag), da die Fettaufnahme im Dünndarm erst wieder in Gang kommen muss. Dasselbe gilt für Milchprodukte, denn viele Zöliakie-Patienten vertragen keinen Milchzucker (Laktoseintoleranz). Bei ihnen führt auch Laktose zu einer Unverträglichkeitsreaktion.


Verlauf & Prognose


Die Zöliakie hat keinen Einfluss auf die Lebenserwartung der Betroffenen, wenn sie eine glutenfreie Diät konsequent einhalten. Bei den meisten Patienten entwickeln sich die Entzündungsprozesse im Dünndarm innerhalb weniger Monate zurück und sie sind praktisch beschwerdefrei. In einigen wenigen Fällen handelt es sich um so genannte diätresistente Formen der Zöliakie, die mit Immunsuppressiva, also Medikamenten, die das Immunsystem drosseln, behandelt werden müssen.

Gerade zu Beginn der Nahrungsumstellung, wenn sich die Dünndarmschleimhaut wieder im Aufbau befindet, kann es zu Begleiterscheinungen und Komplikationen, wie Darmverschluss, Durchfall, Verlust von Elektrolyten und Bauchschmerzen kommen, die behandelbar sind und im Rahmen des fortschreitenden Gesundungsprozess verschwinden.


Tipps für Zöliakie-Patienten


Viele Betroffene sind nach der Diagnose „Zöliakie" zunächst unsicher, wie sie ihren Alltag glutenfrei gestalten können. Auch wenn es schwierig erscheint, muss der private Haushalt sorgfältig umgestellt werden:

  • Tipps bei ZöliakieÜberprüfen Sie vorhandene Lebensmittel auf Glutenfreiheit und sortieren Sie diese im Zweifelsfall aus.
  • Reinigen Sie Küchenutensilien bzw. ersetzen Sie sie durch neue, denn schon Brotkrümel im Toaster, Panadereste in der Friteuse können einen Diätfehler mit zum Teil schwerwiegenden Konsequenzen zur Folge haben.
  • Glutenhaltige Lebensmittel sind von glutenfreien streng zu trennen.
  • Besondere Aufmerksamkeit gilt Getränken mit künstlichen Aromen und anderen Zusatzstoffen. Aber auch bestimmten Gewürzen, wie z. B. Curry oder Würzmischungen sollten im Zweifelsfall lieber aussortiert werden.
  • Kontrollieren Sie Medikamente und Kosmetika, z. B. Lippenpflegestifte, auf Gluten.

Wichtige Adressen


Deutsche Zöliakie Gesellschaft e.V.
Filderhauptstraße 61
70599 Stuttgart
Tel.: 0711 / 45 99 81 - 0
Fax:  0711 / 45 99 81 - 50
E-Mail: info@dzg-online.de
www.dzg-online.de

Deutsche Gesellschaft für Autoimmun-Erkrankungen e. V.
Universitätshautklinik
Schittenhelmstraße 7
24105 Kiel
Tel.: 0431 / 570 81 25
Fax: 0431 / 570 81 27
E-Mail: info@autoimmun.org
www.autoimmun.org

Zöliakie-Treff
www.zöliakie-treff.de

Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.
Godesberger Allee 18
53175 Bonn
Tel.: 0228 / 37 76 - 600
Fax: 0228 / 37 76 - 800
E-Mail: www.dge.de/
www.dge.de


Bücher zum Thema


Zöliakie: Mehr wissen - besser verstehen
Andrea Hiller
Trias, 2006
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 3-83043-314-X

Natürlich glutenfrei. Alltagsratgeber bei Zöliakie und Sprue
Dr. Bettina Pabel
Pala Verlag, 2005
Preis: 14,00 Euro
ISBN-10: 3-89566-204-6

Köstlich essen bei Zöliakie
Andrea Hiller
Trias, 2005
Preis: 19,95 Euro
ISBN-10: 3-83043-232-1


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