14.12.2020

Der Arbeitsweg als Fitnessstudio

Aktives Pendeln zu Fuß, mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln hat nicht nur positive Auswirkungen auf die Umwelt, sondern auch auf die Gesundheit der Mitarbeiter.

Aktives Pendeln zur Arbeit – sei es zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln – kann die Lebensqualität und die Leistungsfähigkeit steigern und gleichzeitig das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten senken, ähnlich wie das Training im Fitnesscenter und ohne zusätzlichen Zeitaufwand. Forscher des Universitätsspitals Zürich, der Universität Salzburg und weitere Partner haben den positiven Effekt nachgewiesen und gleich einen Pendlerrechner für optimale Mobilität entwickelt.

Regelmäßige körperliche Bewegung und Gesundheit gehen Hand in Hand. Leider nehmen sich im Arbeitsalltag viele Menschen zu wenig Zeit für ausreichend Sport. Stress, Müdigkeit und vor allem Zeitmangel werden oft als Gründe genannt. Studien legen nahe, dass ein aktives Pendeln, also das Bewältigen des Arbeitsweges mit dem Fahrrad oder zu Fuß, dem Bewegungsmangel und den damit verbundenen, negativen Gesundheitsfolgen entgegenwirken kann. Wie der tägliche Weg zur Arbeit genutzt werden kann, um fitter zu werden, hat ein interdisziplinäres Team aus Österreich und der Schweiz aus den Bereichen Geoinformatik, Mobilitätsmanagement, Sportwissenschaft und Medizin das im Forschungsprojekt GISMO (Geographical Information Support for Healthy Mobility) untersucht (siehe Scandinavian Journal of Medicine and Science in Sports, Online-Sonderausgabe am 20.8.2020).

Das Design der Studie wurde am Universitätsspital Zürich erarbeitet, während die praktische Durchführung in Salzburg, Österreich erfolgte. Über 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Landeskliniken Salzburg, Österreich, die üblicherweise mit dem Auto zur Arbeit fuhren, nahmen für ein Jahr an dieser klinischen Studie teil. Ziel war es, den gesundheitlichen Effekt von Maßnahmen zur Förderung aktiver Pendelmobilität wissenschaftlich festzustellen. Ein Drittel der Gruppe legte einen Teil des Weges zur Arbeit regelmäßig mit dem Fahrrad zurück. Ein weiteres Drittel ging einen Teil der Strecke zu Fuß und nutzte zudem verstärkt die öffentlichen Verkehrsmittel. Eine Kontrollgruppe änderte nichts an ihrem Pendlerverhalten. Ihre Mobilität dokumentierten die Studienteilnehmenden in einem online-Mobilitätstagebuch und mit GPS-fähigen Fitnessuhren.

Das dokumentierte Pendelverhalten zeigte den Verlagerungseffekt eindrucksvoll. Während in der Kontrollgruppe insgesamt knapp 1.000 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt wurden, kamen die Probanden in der Gruppe, die zum Umstieg auf das Fahrrad motiviert wurden, auf rund 33.500 dokumentierte Kilometer. Die Gruppe, die durch Anreize zum Gehen und Pendeln mit dem öffentlichen Verkehr angehalten wurde, legte mit 7.300 gegangenen Kilometern eine siebenmal längere Distanz als die Kontrollgruppe zu Fuß zurück.

Nach einem Jahr konnte eine deutliche Steigerung der an einem Fahrradergometer gemessenen Leistungsfähigkeit in der Fahrrad- und der Fußgängergruppe nachgewiesen werden. Diese Leistungszunahme war vergleichbar mit der zu erwartenden Leistungssteigerung durch ein Training über ein Jahr Training in einem Fitnessstudio. Diese Leistungssteigerung ging mit einer Verbesserung der Lebensqualität in Bezug auf Vitalität, mentale Gesundheit und körperliche Funktionalität einher. Besonders interessant ist, dass es sich hierbei um dosisabhängige Effekte handelt, was bedeutet, dass jene Probanden, die mehr Kilometer gesund unterwegs waren, größere Effekte zeigten. Zudem konnten positive Effekte in den Interventionsgruppen auf das kardiovaskuläre Risiko dokumentiert werden. Und: Alle diese Effekte konnten erzielt werden, ohne dass sich die Gesamtdauer des Arbeitsweges relevant verlängerte.

Auf Grundlage der gewonnenen medizinischen und Mobilitätsdaten wurde in einem weiteren Schritt ein Pendlerrechner entwickelt. Mit Hilfe einer neu entwickelten Informationsplattform können Routenempfehlungen für Arbeitswege erstellt werden. Dabei wird die Pendelstrecke derart optimiert, dass durch den Anteil aktiver Mobilität ein gesundheitlicher Effekt zu erwarten ist. „Unser Anwendungsszenario ist ein betriebliches Umfeld. Wir möchten Entscheidungsträgern dort alle Informationen an die Hand geben, um über die Förderung aktiver Pendelmobilität zielgerichtet in die Gesundheit der Mitarbeitenden investieren zu können“, erklärt Martin Loidl vom Fachbereich Geoinformatik der Universität Salzburg, der für das Gesamtprojekt verantwortlich war. Aus den Forschungsergebnissen und ersten Umsetzungskonzepten soll nun ein markreifer Service entwickelt werden.

Wichtig ist, dass mit dem Forschungsprojekt GISMO ein erster Schritt zur Änderung im Pendlerverhalten getan ist. „Wir wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass aktives Pendeln nicht nur positive Auswirkungen auf die Umwelt, sondern auch auf die Gesundheit von Mitarbeitenden eines Unternehmens hat“, so David Niederseer vom Universitätsspital Zürich. „Wenig Bewegung verursacht genauso viele frühzeitige Todesfälle wie Rauchen und verkürzt die Lebenserwartung um bis zu sieben Jahre. Wie die Erfahrung aus der Umsetzung der Studie gezeigt hat, braucht es allerdings nicht viel, um ein Mindestmaß an aktiver Mobilität in die tägliche Routine des Arbeitsweges zu integrieren.“ Neben den Anreizen, die in Form von Sachleistungen geboten wurden, war es vor allem der soziale Kontext, der die Teilnehmer zum Umstieg auf aktive Mobilitätsformen motivierte. Genau ein solches Umfeld ist typischerweise in Unternehmen gegeben und soll in Zukunft, gestützt von den in GISMO erhobenen Evidenzen, gezielt genutzt werden.

Quelle: Universitätsspital Zürich

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