21.05.2008

Experten fordern Diskussion über Gesundheitsleistungen

Wie kann eine qualitativ hochwertige medizinische Versorgung auch in Zukunft finanziert werden?...

Innovative Therapien erleichtern unzähligen Patienten das Leben mit ihrer Erkrankung. Aber immer häufiger kommt es zu Diskussionen um die Erstattung der Kosten, und Ärzte müssen mitunter finanzielle Folgen fürchten, wenn sie moderne Therapien leitliniengemäß verordnen. Auf dem 3. Berliner Roche Forum haben sich Experten des Gesundheitswesens und betroffene Patienten vor diesem Hintergrund für eine breite und transparente gesellschaftliche Diskussion über die Leistungen des solidarischen Gesundheitswesens ausgesprochen.

Im Moment würden Entscheidungen über die Priorisierung medizinischer Maßnahmen vielfach in das Arzt-Patienten-Verhältnis verlagert, kritisierte Dr. Ulrich Graeven von der Arbeitsgemeinschaft Internistischer Onkologen. Der Arzt komme dadurch in ein unauflösbares Dilemma, weil er gleichzeitig die optimale Betreuung der Patienten sicher zu stellen hat und dafür sorgen soll, dass die Kosten nicht überborden. Die Folgen seien fatal: „Wenn der Patient annehmen muss, dass der Arzt ein Agent der Rationierung ist, dann ist das Vertrauensverhältnis fundamental gestört", so Graeven.

Rationierung von Leistungen ist Realität

Auch die Journalistin Sibylle Herbert sprach von einem „deutlich gestörten" Verhältnis zwischen Arzt und Patient: „Die Patienten leiden nicht nur an ihrer Erkrankung, sie leiden auch am System", so Herbert. So würden Patienten vielfach teure Diagnostik aus eigener Tasche bezahlen. Und gerade innovative Therapien würden knapp gehalten: „Biologika in der Rheumatologie sind zum Beispiel medizinischer Standard, aber der Arzt kann es sich nicht leisten, sie zu verordnen, weil er Gefahr läuft, große Beträge aus eigener Tasche bezahlen zu müssen."

Besonders bedenklich sei die derzeitige Entwicklung für gesellschaftliche Gruppen, die sich kaum wehren können, wie Professor Dr. Friedrich Wilhelm Schwartz von der Medizinischen Hochschule Hannover betonte: „Die Gefahren der Rationierung konzentrieren sich auf alte, arme und arbeitslose Menschen". Hier zeige sich schon heute, dass die gesundheitlichen Ungleichheiten im Vergleich zur nicht benachteiligten Bevölkerung zunähmen.

Vor diesem Hintergrund sei es dringend erforderlich, eine breite gesellschaftliche Diskussion darüber anzustoßen, was ein solidarisches Gesundheitswesen in Zukunft noch bezahlt und wer darüber entscheidet, was bezahlt wird. Daneben warnten die in Berlin versammelten Experten vor einer zu starken Einengung der ärztlichen Entscheidungsfreiheit: „Es ist wichtig, medizinische Leistungen objektiv zu bewerten, aber es müssen immer noch Spielräume für den Arzt bleiben", betonte Schwartz.