17.06.2019

Neuer Angriffspunkt bei der Behandlung des Hodgkin-Lymphoms

Berliner Forschende haben einen Botenstoff (LTA) identifiziert, der eine maßgebliche Rolle dabei spielt, dass Hodgkin-Lymphome das Immunsystem überlisten und ungehindert wachsen können.

Hierzulande erkranken nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) pro Jahr etwa 2.300 Menschen neu am Hodgkin-Lymphom, einem bösartigen Tumor des Lymphsystems. Jetzt haben Berliner Forschende einen Botenstoff namens Lymphotoxin-alpha (LTA) identifiziert, der eine maßgebliche Rolle dabei spielt, dass Hodgkin-Lymphome das Immunsystem überlisten und ungehindert wachsen können (siehe Blood, Online-Veröffentlichung am 22.1.2019).

Eine Besonderheit von Hodgkin-Lymphomen ist, dass lediglich ein geringer Anteil der Tumormasse aus entarteten Zellen besteht. Die Lymphknotenschwellungen gehen vielmehr darauf zurück, dass die Hodgkin-Zellen Botenstoffe aussenden, die Lymphozyten anlocken und in die Lymphknoten einwandern lassen.

Die Forscher um Claus Scheidereit, Leiter der Arbeitsgruppe ‚Signaltransduktion in Tumorzellen‘ am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC), und um Stephan Mathas vom MDC sowie der Charité – Universitätsmedizin Berlin konzentrierten sich bei ihrer Arbeit auf den Transkriptionsfaktor NF-kappa-B. Dieser befindet sich normalerweise im Zytoplasma und wandert nur bei Bedarf vorübergehend in den Zellkern. Dort steuert er die Bildung der Gene (Genexpression) und wandert anschließend zurück ins Zytoplasma.

Bei Hodgkin-Zellen befindet sich NF-kappa-B hingegen dauerhaft im Zellkern und beeinflusst die Genaktivität derart, dass die Zellen dem programmierten Zelltod entgehen, sich ungebremst vermehren und zudem Botenstoffe ausschütten, die Lymphozyten in die erkrankten Lymphknoten locken. „Es ist allerdings bisher nur teilweise verstanden, warum NF-kappa-B bei Hodgkin-Zellen im Kern bleibt“, erläutert Scheidereit. Die Wissenschaftler untersuchten daher in Zellkulturen, welche von Hodgkin-Zellen ausgeschütteten Substanzen NK-kappa-B-aktivieren. „Dabei haben wir einen einzigen Faktor identifiziert, der NF-kappa-B aktiviert und von Hodgkin-Zellen sekretiert wird: Ein Botenstoff namens Lymphotoxin-alpha (LTA)“, berichtet Eva Kärgel aus der Arbeitsgruppe.

Mithilfe von Genexpressionsanalysen konnten die Forscher die zentrale Rolle von LTA in Hodgkin-Zellen nachweisen: LTA aktiviert demnach nicht nur NF-kappa-B, sondern treibt auch das Ausschütten weiterer Botenstoffe an, die dazu beitragen, dass Lymphozyten in die Lymphknoten einwandern und dort eine günstige Mikroumgebung für die Krebszellen schaffen. Außerdem sorgt es dafür, dass die Krebszellen so genannte Immun-Checkpoint-Liganden bilden, die sie vor Angriffen durch das Immunsystem schützen.

Dass LTA in den Hodgkin-Zellen so aktiv ist, hat einen Grund: „Wir haben herausgefunden, dass sich LTA selbst durch eine positive Feedbackschleife hochreguliert“, erklärt Scheidereit. Bremsen kann diese Schleife ein Regulator namens A20. Allerdings ist dieser in Hodgkin-Lymphomen häufig verändert (mutiert) und fällt daher als Kontrollmechanismus aus. „Unsere Arbeit lässt vermuten, dass LTA ein guter Angriffspunkt sein könnte, um die Behandlungsstrategien für das Hodgkin-Lymphom zu erweitern“, hofft Scheidereit.

Quelle: Deutsches Ärzteblatt