19.03.2013
Sport als Therapie
Exercise is medicine - denn mit mehr Bewegung lassen sich viele Medikamente ganz oder teilweise ersetzen. Darauf weisen Experten der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention hin.
Schon lange verordnen Mediziner bei vielen Erkrankungen keine Bettruhe mehr, sondern körperliche Aktivität. Und das aus guten Gründen. Bewegung kann Medikamente ganz oder teilweise ersetzen. Durch Bewegung können sogar die Ursachen von Erkrankungen und nicht nur deren Symptome bekämpft werden. Die Muskelzelle eines Diabetikers vom Typ 2 lernt durch Bewegung wieder, Zucker aus dem Blut in die Zelle zu transportieren. Die gestörte Glukose-Toleranz kann hierdurch rückgängig gemacht werden. Das schaffen Medikamente nicht.
Dennoch kommt die körperliche Aktivität und Bewegung als Therapie immer noch zu kurz. Auch wenn die meisten Ärzte dem Sport positiv gegenüber stehen, scheuen sie sich oft, diesen als Therapiemaßnahme einzusetzen. Viele Sportmediziner und andere Gesundheitsexperten sind zwar bereits seit Jahren darum bemüht, doch der großflächige und selbstverständliche Einsatz von Bewegung wurde noch nicht durchgesetzt.
Viele Vorteile und mangelnde Umsetzung
Niemand zweifelt mehr an den positiven Effekten von Bewegung. Die mangelnde Umsetzung muss andere Gründe haben. Die klassische Medizin hat vor langer Zeit große Erfolge gefeiert. Krankheitserreger wurden identifiziert, die Hygiene wurde verbessert und Impfungen wurden eingeführt. Aus diesem Durchbruch entstanden viele diagnostische und therapeutische Konzepte und die Volksgesundheit konnte spürbar verbessert werden.
Heutzutage ist die zunehmende Zahl der Behandlungsmethoden eher nachteilig, weil viele Ärzte zur Überversorgung neigen. Behandlungsprinzipien wie körperliche Bewegung und weitere Lebensstiländerungen, die sich an die Ursache von Erkrankungen richten, werden vernachlässigt. Diese mechanistische Herangehensweise in der Diagnostik und Behandlung wird schon im Medizinstudium gelehrt. Was auch dazu führt, dass Ärzte in Fragen der Prävention unzureichend ausgebildet sind. Dabei sind insbesondere die Mediziner wichtige Multiplikatoren. Sie sollen die Bevölkerung mit notwendigen Informationen versorgen und zur Lebensstiländerung motivieren. Zudem fehlen ausreichende Strukturen und organisatorische Abläufe, die es ermöglichen, viele Fachrichtungen in den Präventions- und Therapieverlauf einzubinden.
Es sind also feste Strukturen, die aufgebrochen werden müssen, um die Bewegung als ernstzunehmende Maßnahme zu akzeptieren und messbare Gesundheitseffekte in der Bevölkerung möglich zu machen. Das American College of Sports Medicine (ACSM) hat mit der Initiative „Exercise is Medicine" in den USA einen ersten großen Schritt gemacht, um den Einsatz von Bewegung voranzutreiben. Kompetenzen zur Prävention werden unter einer Dachorganisation gebündelt und koordiniert. Nach dem amerikanischen Vorläufer wird „Exercise is Medicine" nun in Europa etabliert.
Exercise is Medicine als Plattform
Die Initiative „Exercise is Medicine" strebt an, den präventiven und rehabilitativen Nutzen von körperlicher Bewegung in ein flächendeckendes Konzept umzusetzen. Ärzte, nichtärztliche Berufsgruppen in der Medizin, Medien und Patienten werden dazu angeregt, körperliche Bewegung als Behandlung zu verstehen. Ärzte werden dazu aufgefordert, Bewegung zu verschreiben und als Therapie einzusetzen. Damit wird ein altes Rezept aufgegriffen, welches Dr. Goßner vor über 40 Jahren bereits eingeführt hat und welches jetzt seit längerem in Deutschland sich bewährt hat (Rezept für Bewegung).
Auch politische Entscheidungen können durch dieses Konzept beeinflusst werden, um Strukturen für Sport und Bewegung im medizinischen Alltag zu schaffen.
Um diese Ziele zu erreichen, werden bereits existierende Initiativen unter einem gemeinsamen Dach gebündelt und koordiniert. Die Zusammenarbeit vieler Institutionen bietet mehr Möglichkeiten als die Arbeit einer einzelnen Organisation wie der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin (DGSP). Wenn eine sportmedizinische Gesellschaft sich alleine der Initiative „Exercise is Medicine" annehmen würde, wäre es schwierig, unterstützende Gesellschaften zu finden, die sich unter dem Logo dieser Gesellschaft einsetzen würde. Deshalb ist „Exercise is Medicine" als Plattform ausgelegt. Der Plattformgedanke bewirkt, dass sich zahlreiche eigenständige Gesellschaften mit einem gemeinsamen Ziel sammeln können. Auch andere Fachgruppen wie Pädiater und Arbeitsmediziner aber auch Sportorganisationen, Vereine und qualifizierte Fitness-Studios sind willkommene Kooperationspartner.
Das europäische Zentrum
Das Europäische Zentrum von „Exercise is Medicine" wird von Professor Dr. Jürgen Steinacker geleitet und von Dr. Gisa Falkowski als Center Manager koordiniert. Das Founding Committee besteht aus Delegierten des European Network for the Promotion of Health-Enhancing Physical Activity und des European College of Sports Science. Hinzu kommen fünf Delegierte der sportmedizinischen Gesellschaften in Schweden, den Niederlanden, Portugal, der Schweiz und Ungarn. Das Europäische Zentrum soll europäische Nationen mit Informationen über „Exercise is Medicine" versorgen, gemeinsame Veranstaltungen und Aktionen durchführen und nationale Zentren unterstützen und beraten. Zudem soll mit der Plattform „Exercise is Medicine" ein besserer Zugang zu den Gremien der Europäischen Union und der Bundesregierung, insbesondere zum Bundesministerium für Gesundheit und zum Bundesministerium für Forschung und Technologie erreicht werden. Parallel hierzu wird die Europäische Gesellschaft für Sportmedizin ihr Konzept mit „Exercise Prescription for Your Health" auf den Weg bringen.
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention
