09.11.2020

Trotz Eiltempo kann das Warten auf den Corona-Impfstoff dauern

Große Hoffnungen ruhen auf einer Impfung gegen Covid-19. Doch dabei gibt es offenbar einige Unwägbarkeiten. Das macht den Weg zurück zur Normalität lang.

Weltweit arbeiten Wissenschaftler und Pharmaunternehmen daran, rasch einen Corona-Impfstoff zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Was sonst viele Jahre dauert, soll jetzt binnen Monaten geschehen - Lightspeed, also Lichtgeschwindigkeit, nennt etwa das Mainzer Unternehmen Biontech sein Impfstoffprojekt, das es zusammen mit dem US-Pharmariesen Pfizer vorantreibt. Die Entwicklung wird derzeit zu den aussichtsreichsten weltweit gerechnet. Der Wirkstoff ist einer von momentan etwa einem Dutzend Kandidaten in der dritten und letzten Phase der klinischen Prüfung mit Zehntausenden Probanden. Doch bevor ein Impfstoff verteilt werden kann, sind noch einige Hürden zu überwinden.

Russland und China impfen zwar bereits Teile der Bevölkerung, allerdings lagen für die Genehmigung entscheidende Daten aus den klinischen Prüfungen noch gar nicht vor. Wie sicher diese Impfstoffe sind und wie gut sie schützen, ist unklar. In Europa wurde bisher für zwei Impfstoffkandidaten parallel zur klinischen Prüfung der Zulassungsprozess bei der europäischen Arzneimittelbehörde EMA gestartet. Ob - und wenn ja, wann - diese Impfstoffkandidaten zugelassen werden, bleibt abzuwarten.

Schon jetzt ist klar: Auch die Zulassung eines Impfstoffs wird die Pandemie nicht sofort beenden. Experten weisen darauf hin, dass kein Impfstoff eine 100-prozentige Wirksamkeit erreicht, also nicht jeder Geimpfte zuverlässig vor einer Infektion geschützt sein wird. Das ist nicht ungewöhnlich und auch bei anderen Impfstoffen so. Beim Masernimpfstoff etwa ist die Effektivität mit 95 Prozent relativ hoch. Grippeimpfstoffe haben eine Schutzwirkung zwischen etwa 60 und

70 Prozent. Für die Zulassung der ersten Corona-Impfstoffe hat die US-Zulassungsbehörde FDA eine Wirksamkeit von mindestens 50 Prozent als Ziel vorgegeben, in der EU gibt es noch keine Empfehlung.

„Es ist möglich, dass erste Impfstoffe nicht immer verhindern können, dass es zu einer Ansteckung kommt“, erklärt Arne Kroidl, leitender Prüfarzt für Corona-Impfstudien am Tropeninstitut des Klinikums der Universität München. „Allerdings ist ein deutlicher Effekt hinsichtlich klinischer Symptome oder schwerer Verläufe zu erwarten, eine verminderte Viruslast würde zudem eine verminderte Infektiosität wahrscheinlich machen.“ Auch das wäre ein Erfolg.

Viele Experten erwarten, dass für eine wirksame Immunisierung eine Impfdosis nicht ausreicht. Wahrscheinlich werde ein mehrfaches Impfen nötig sein, meint Clemens Wendtner, Chefarzt der Klinik für Infektiologie in der München Klinik Schwabing, der im Januar die bundesweit ersten Corona-Patienten behandelt hatte.

Um die Hälfte der Weltbevölkerung zwei Mal zu impfen, wären knapp acht Milliarden Dosen nötig, rechnete die Vorsitzende der Verbandsgruppe Impfungen Europa, Sue Middleton, kürzlich vor. Die globale Kapazität liege derzeit aber bei nur etwa fünf Milliarden Dosen pro Jahr - zur Herstellung aller verfügbaren Impfstoffe. Bis große Bevölkerungsteile nach der Freigabe eines Impfstoffes geimpft sind, wird es also dauern.

Mit der Zulassung eines Impfstoffs rechnen viele Wissenschaftler und Pharmaunternehmen Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erwartet den Start von Impfungen zur Jahresmitte 2021. Risikogruppen und Beschäftigte im Gesundheitssystem können als erste mit einer Impfung rechnen.

Um schneller am Markt zu sein, haben etliche Hersteller schon mit dem Aufbau der Produktion begonnen. Verträge über den Kauf von Impfdosen mit Ländern oder Staatengruppen sollen das Kostenrisiko für die Firmen mindern.

Gerade wenn die erste Impfphase in den nächsten Sommer fallen würde, in dem - so die Hoffnung - die Zahlen jahreszeitlich bedingt zurückgehen, könnte sie die Zahl der Infektionen deutlich reduzieren, hoffen die Wissenschaftler. „Ich gehe schon davon aus, dass sich im Winter 2021 ein Großteil der Menschen impfen lassen kann“, berichtet Kroidl. Dass damit wieder etwas mehr Normalität einkehre, erscheine durchaus realistisch.

Eine besondere Herausforderung für die Impfstoffentwickler stellen ältere Menschen dar. Bei ihnen könnte die Impfung weniger gut anschlagen, weil sie ein schwächeres Immunsystem haben als jüngere Menschen. Wahrscheinlich bräuchten Senioren deshalb größere Mengen an Impfstoff, betont Sebastian Ulbert, Abteilungsleiter Immunologie am Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig. „Es gibt mehrere neu auftretende Infektionskrankheiten, die besonders für ältere Menschen eine Gefahr sind. Das Problem ist den Impfstoff-Entwicklern bekannt, etwa im Fall des West-Nil-Virus.“ Diese von Stechmücken übertragene Tropen-Krankheit breitet sich infolge des Klimawandels in Europa aus, auch in Deutschland gab es bereits Fälle.

Die Gruppe der Menschen ab 60 Jahren sei auch bei Corona die Gruppe mit dem höchsten Risiko für schwere und tödliche Verläufe, bekräftigt Ulbert. In einigen, aber nicht allen Corona-Impfstoff-Studien werden alle Altersgruppen untersucht. Die Erfolge - etwa einer weit gediehenen chinesischen Entwicklung - stimmten vorsichtig optimistisch, dass eine Impfung auch Ältere schützen könnte. Zudem würden Medikamente erforscht, die das Immunsystem von Senioren stärken, so dass sie auf eine Impfung besser reagieren.

Wissenschaftler verfolgen mehrere Ansätze bei der Impfstoffentwicklung. Einige arbeiten mit abgetöteten beziehungsweise inaktivierten Corona-Viren, um das Immunsystem des Geimpften zu aktivieren. Andere schleusen dazu bestimmte Erbinformationen des Virus mit harmlosen Viren in den Körper ein. Bei einer recht neuen Methode, auf die auch deutsche Entwickler setzen, werden Teile der RNA-Erbinformation des Coronavirus mit Hilfsstoffen in die menschlichen Zellen transportiert. Ein US-Unternehmen wiederum testet ein biotechnologisch hergestelltes Protein des Virus. Allen Ansätzen ist gemein, dass sie keine Erkrankung hervorrufen - und alle Ansätze scheinen grundsätzlich zu funktionieren.

„Wir wissen, dass alle diese Impfstoffe eine Immunantwort auslösen“, berichtet Ulbert. „Bisher scheinen die Nebenwirkungen tolerabel.“ Dazu zählten vor allem erhöhte Temperatur, Schwindel oder gelegentlich Übelkeit - Nebenwirkungen, die auch bei anderen Impfungen vorkommen.

Weil Impfstoffe bei Menschen unterschiedlich wirken, sei es gut, dass mehrere Stoffe in Entwicklung seien, so Kroidl. Damit stünden womöglich im nächsten Jahr für verschiedene Gruppen passende Mittel zur Verfügung, etwa auch, wenn es Unverträglichkeiten gebe.

Eine unbeantwortete Frage ist, ob Menschen nach einer Impfung das Virus weitertragen können. Das wäre vor allem im Gesundheitsbereich schwierig - geimpfte Mitarbeiter könnten dann womöglich unwissentlich Patienten anstecken. Ungeklärt ist auch, wie lange ein Impfschutz vorhält. „Deshalb macht man in einem normalen Setting jahrelang Phase-3-Studien“, erläutert Ulbert. Bei Corona müssten das weitere Studien nach einem Impfstart zeigen.

Dass eine Impf-Immunisierung gegen das Coronavirus ein ganzes Leben lang halten wird, scheint unwahrscheinlich. „Es könnte auch bei einem Covid-19-Impfstoff sein, dass man wie bei der Influenza-Schutzimpfung regelmäßig wieder geimpft werden muss“, betont Wendtner. „Es ist nicht ungewöhnlich, dass Impfungen nicht jahrelang halten, sondern regelmäßig aufgefrischt werden müssen.“

Auch eine überstandene Covid-19-Erkrankung schützt womöglich nicht auf Dauer vor einer neuerlichen Infektion. Studien zeigten, dass die neutralisierenden Antikörper bei ehemaligen Patienten rasch abnehmen. Dennoch gab es bisher nur vereinzelt Berichte, dass sich Genesene erneut ansteckten. Dies könnte sich ändern, wenn neue Varianten des Virus auftauchen, gegen die eine bestehende Immunität nicht schützt. Dies wiederum würde auch die Impfstoffentwicklung beeinflussen. Wie stark und wie schnell das Virus mutiert, ist ungewiss. Der Leipziger Forscher Ulbert sagt, das Coronavirus scheine vergleichsweise stabil zu sein.

Trotz aller Unwägbarkeiten: Die Wissenschaftler konzentrieren sich auf die nächsten Schritte - im Eiltempo. Am Münchner Tropeninstitut geht es nun darum, Probanden zu finden, möglichst schnell möglichst viele. „Ab sofort suchen wir dringend Freiwillige, um unsere Phase-3-Studien voranzubringen“, verkündet Kroidl. Gesucht: Menschen aller Altersklassen, egal ob sie schon erkrankt waren oder nicht.

Quelle: dpa

 

 

 

 

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