13.01.2021

Was Betroffene mit Long Covid tun können

Corona-Spätfolgen sind möglich. Wer davon betroffen ist, findet spezielle Beratungsangebote. Es gibt Post-Covid-Sprechstunden und Post-Covid-Selbsthilfegruppen.

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Eine Corona-Infektion mit SARS-CoV-2 kann Betroffene längerfristig einschränken. Mediziner sprechen dann vom Long-Covid- oder Post-Covid-Syndrom, weil es anhaltende Beschwerden sind. Sie können auch nach dem Abklingen der akuten Erkrankung weiter bestehen.

„Noch gibt es relativ wenige Daten dazu - vor allem fehlen aber noch systematische Langzeitstudien“, berichtet die Neurologin Prof. Kathrin Reetz von der Neurologischen Klinik der RWTH Aachen. Aber was sich aus den bereits vorliegenden Studien und ersten Erfahrungen aus Sprechstunden sehen lasse: Die häufigsten Long-Covid-Symptome seien anhaltende Müdigkeit und eine geringere Belastbarkeit, Schmerzen in Muskeln und Gelenken, Riech- und Geschmacksstörungen sowie Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen.

„In einer kürzlich publizierten Studie bei fast 2500 Patienten (siehe Nature Communications, Online-Veröffentlichung am 4.12.2020) wurde zudem gezeigt, dass noch nach Wochen der Covid-19-Erkrankung weiterhin eine Atemnot bestand“, erklärt Reetz. „Aus unserer Sprechstunde wissen wir, dass auch häufig von einer emotionalen Unausgeglichenheit berichtet wird. Viele sagen, sie seien einfach anders und nicht mehr so belastbar“, so die Medizinerin. Es seien auch junge Menschen betroffen, die mitten im Berufsleben standen und zuvor keine Schwierigkeiten im Alltag hatten.

Die bisher vorliegenden Daten deuten zwar darauf hin, dass vermehrt Menschen mit einem schweren Erkrankungsverlauf im Krankenhaus solche Long-Covid-Symptome entwickeln können. Doch nach bisher sehr groben Schätzungen sind laut der Medizinerin auch zehn bis zwanzig Prozent derjenigen betroffen, die einen milden Verlauf hatten oder trotz einer Corona-Infektion gar keine Symptome gezeigt haben.

Für Betroffene ist die erste Anlaufstelle idealerweise eine sogenannte Post-Covid-Sprechstunde, die es unter anderem bereits an verschiedenen Universitätskliniken gibt. Dort können die geschilderten Probleme durch erfahrene Medizinerinnen und Mediziner eingeordnet und objektiviert werden - zum Beispiel bei wahrgenommenen Riechstörungen durch die Durchführung von Riechtests oder bei Gedächtnisstörungen durch eine neuropsychologische Testung.

„Das ist wichtig, da es durchaus auch zu Unterschieden zwischen der eigenen Wahrnehmung der Beschwerden und der Objektivierung dieser kommen kann“, erläutert Reetz, die auch Vizepräsidentin der Deutschen Hirnstiftung ist. „Nach der Einordnung der Beschwerden, kann dann gegebenenfalls auch eine Therapie erfolgen - ob man gegen Schmerzen zum Beispiel Medikamente verordnet oder bei Konzentrationsschwäche ein neuropsychologisches Training oder Ergotherapie.“

Sie hält es für hilfreich, wenn Betroffene ein Symptom-Tagebuch (zum Beispiel der gemeinnützigen Organisation Data4Life: https://app.data4life.care/corona/program/symptom-tracking) führen. „Der Verlauf von Beschwerden, gerade auch, wenn sie schwankend sind, lässt sich damit besser nachvollziehen.“ Das hilft den Medizinern bei der Einschätzung. Und man selbst versteht vielleicht auch besser die eigenen Beschwerden und in welcher Ausprägung sie wann auftreten.

Generell empfiehlt die Deutsche Hirnstiftung: Man sollte sich nach der Genesung von der Covid-19-Erkrankung einige Tage Zeit geben. Meist gebe sich der gestörte Geruch- und Geschmackssinn dann wieder. Bei Kopfschmerzen sei es ähnlich. Entwickelt man neurologische Symptome wie Probleme mit der Konzentration oder Kribbeln in den Gliedmaßen aber erst, nachdem man die Infektion offenbar überstanden hat, sollte man sich ärztlichen Rat holen. Der Hausarzt kann einen gegebenenfalls auch an eine neurologische Fachpraxis überweisen.

Die Dauer und Ausprägung der Long-Covid-Symptome kann sehr stark von Patient zu Patient variieren. „Es ist jetzt noch zu früh, Vorhersagen zu treffen“, meint Reetz. „Manche Patienten von uns aus dem Frühjahr haben noch immer diese Symptome, bei anderen ist es schnell besser geworden. Wir brauchen hier einfach noch mehr Langzeitstudien, um darauf eine Antwort geben zu können.“

Ansteckend sind Patienten, die von Covid-19-Spätfolgen betroffen sind, nach Angaben der Hirnstiftung nicht mehr. Die meisten seien bereits zehn Tage nach Beginn der Corona-Infektion kein Risiko mehr für andere. Wer aber sicher sein möchte, lässt sich nach Abklingen der akuten Covid-19-Symptome nochmals auf das Virus testen.

Knapp ein Jahr nach den ersten Corona-Fällen in Deutschland gründen sich auch erste Selbsthilfegruppen von Post-Covid-Patienten. Vor allem gehe es darum, über das Erlebte zu sprechen, sich gegenseitig bei der Genesung zu unterstützen und fachliche Informationen zu sammeln, berichtet Karl Baumann, der eine der ersten Gruppen bundesweit in Regensburg gegründet hat. Die Selbsthilfegruppe ist erreichbar unter gruppe@noSpam.pc-19.de.

Der 52-jährige Unternehmer aus Wenzenbach bei Regensburg, zuvor vollkommen gesund, war im März erkrankt. Er hing an der Herz-Lungen-Maschine, erlitt im Koma einen Schlaganfall und überlebte nur knapp. „Damals hat kaum einer daran geglaubt, dass ich wieder zurückkomme“, sagt er heute. „Es ist viel aufzuarbeiten. Wann und ob er wieder voll arbeiten könne, sei offen.

Bei Baumann waren mehrere Organe betroffen, neben der Lunge auch Herz, Nieren und Leber. „Es ist eine Systemerkrankung.“ Bis heute seien nicht alle seine Werte normal. Und es gehe auch um die Psyche. „Man muss das Trauma aufarbeiten. Das ist langwierig.“ Seine Frau leide trotz milden Verlaufs wie er an Erschöpfung, Konzentrations- und Wortfindungsschwierigkeiten. Wenn er sich mit ihr unterhalte, sei es manchmal wie im Komödienstadel, sagt er.

Quelle: dpa

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