30.06.2015
Wie Gehirn und Immunsystem bei Rheuma zusammenwirken
Forscher versuchen die Wechselwirkungen zwischen Nerven- und Immunsystem besser zu verstehen, um die Therapie von chronischen Schmerzen wie z.B. bei Rheumatoider Arthritis zu verbessern.
Europaweiten Studien zufolge leidet etwa jeder fünfte Erwachsene an chronischen Schmerzen, meist im Rücken oder in den Gelenken. Neben der individuellen Belastung für die Betroffenen stellt das ein enormes gesundheitsökonomisches Problem dar. Ein jetzt gestarteter Verbund von Immunologen, Schmerzforschern, Orthopäden und Rheumatologen verfolgt mit einem translationalen Ansatz das Ziel, die Behandlung solcher chronischer Schmerzen zu verbessern.
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert den auf vier Jahre angelegten Forschungsverbund mit insgesamt 3,8 Millionen Euro. „Wir unterstützen den Aufbau interdisziplinärer Forschungsverbünde zu Erkrankungen des Bewegungsapparats. Ziel der Verbünde ist es, gemeinsam Behandlungsmethoden und Präventionsansätze zu verbessern. Entscheidend ist, dass die Forschungsergebnisse rasch in der Patientenversorgung ankommen", erklärt der Parlamentarische Staatssekretär im BMBF, Stefan Müller.
Bei schmerzreichen Gelenk- und Knochenerkrankungen wie Rheumatoider Arthritis oder Osteoporose beeinflusst das Nervensystem das Krankheits- und Entzündungsgeschehen. „Die Krankheitsprozesse und das Immunsystem haben wiederum langfristig einen prägenden Einfluss auf Schmerzempfinden und Schmerzgedächtnis", erklärt Prof. Dr. Hans-Georg Schaible, Neurophysiologe am Universitätsklinikum Jena, der den Verbund koordiniert. „Diese Wechselwirkung von Nerven- und Immunsystem wollen wir besser verstehen und auf Ansatzpunkte für die bessere Behandlung der chronischen Schmerzen untersuchen."
Ein Teilprojekt in Erlangen der Arbeitsgruppe um Dr. Jürgen Rech an der Medizinischen Klinik 3 unter Leitung von Prof. Georg Schett erfasst beispielsweise die schmerzbedingte Hirnaktivität bei chronischer Polyarthritis mittels Magnetresonanzbildgebung. Die Wissenschaftler wollen dabei herausfinden, ob sich diese Schmerzaktivität im Gehirn ändert, wenn Entzündungsbotenstoffe (Zytokine) blockiert werden. Eventuell lassen sich durch die Neutralisation dieser Zytokine sogar Veränderungen der Hirnstruktur, die durch den chronischen Arthritisschmerz eingetreten sind, wieder rückgängig machen.
Ein anderer Projektteil der Immunologen am Uniklinikum Jena beschäftigt sich mit den Mechanismen der Rheumatoiden Arthritis, insbesondere mit der Steuerung von bestimmten Bindegewebszellen (Fibroblasten) und knochenabbauenden Zellen (Osteoklasten) durch das autonome Nervensystem. Diese Zellen sind maßgeblich an der fortschreitenden Gelenkzerstörung beteiligt. „Wir wissen, dass die Aktivität von Lymphozyten und Makrophagen als wichtigen Zellen des Immunsystems vom autonomen Nervensystem moduliert werden. Noch ist unbekannt, ob das bei synovialen Fibroblasten und Osteoklasten auch der Fall ist", beschreibt Prof. Dr. Thomas Kamradt seinen Ansatz. „Von der gezielten Beeinflussung der neuronalen Prozesse und der Kombination mit Wirkstoffen gegen die Entzündung und gegen den Gewebeabbau versprechen wir uns eine bessere Behandlung der Arthritis."
Weitere Teilprojekte untersuchen zum Beispiel die Rolle des peripheren Nervensystems bei der Heilung von Knochenbrüchen, die typisch sind für Osteoporose, oder wie das körpereigene Opioidsystem bei Rheumatoider Arthritis (RA) reguliert wird. Zum Verbund gehört auch eine klinische Studie, die an der Charitè durchgeführt wird. Darin wollen die Berliner Rheumatologen testen, ob Entzündungsgrad und Schmerzen bei RA-Patienten durch eine Gabe von Morphin direkt in das betroffene Gelenk gelindert werden können.
Das Forschungsprogramm der Wissenschaftler baut auf den Ergebnissen früherer gemeinsamer Kooperationen auf und zielt auf die Überführung im Labor gewonnener Erkenntnisse in klinische Projekte. „Wir arbeiten darauf hin, dass die Wechselwirkungen von Nerven- und Immunsystem bei muskoloskelettalen Erkrankungen größeren Eingang in umfassende klinische Studien finden", so Prof. Schaible.
Quelle: Universitätsklinikum Jena
