03.06.2024

Wie sich Altersgebrechlichkeit hinauszögern oder verhindern lässt

Frailty meint eigentlich schon mehr als Gebrechlichkeit und wird mittlerweile als eigenständiges geriatrisches Krankheitsbild betrachtet. Möglichst früh erkannt, lässt es sich oft noch verhindern…

© photocrew_Fotolia.com

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Der Begriff „Frailty“ wird immer häufiger verwendet, obwohl selbst viele Mediziner unsicher sind, was damit genau gemeint ist. Auf jeden Fall umfasst es mehr als das deutsche Wort „Gebrechlichkeit“: Frailty ist laut Definition ein Zustand, in dem körperliche Reserven schon eingeschränkt sind und der Betroffene Belastungen – darunter auch medizinische Eingriffe – nur einen verminderten Widerstand entgegensetzen kann(siehe Deutsche Medizinische Wochenschrift 2024, Band 149, Seite: 15-22).

Die Frailty wird mittlerweile als eigenständiges geriatrisches Krankheitsbild betrachtet. Bei der Entwicklung spielen viele Faktoren eine Rolle. Das Gute daran: Werden Vorboten rechtzeitig erkannt, lässt sich oft verhindern, dass sich das Vollbild des Syndroms entwickelt, schreiben Prof. Dr. Maria Polidori von der Universitätsklinik Köln und Prof. Dr. Cornel Sieber von der Universität Erlangen in ihrer Veröffentlichung (siehe oben). Das Verständnis für die sogenannte „Pre-Frailty“ wird angesichts der zunehmend älter werdenden Bevölkerung immer wichtiger.

Einen wichtigen Risikofaktor stellt eine Multimorbidität dar. So weisen etwa drei Viertel der Menschen mit Frailty mindestens zwei weitere Erkrankungen auf. Umgekehrt liegt bei gut jedem sechsten multimorbiden Patienten eine Frailty vor. Das betrifft nicht nur betagte Menschen: Je nach individueller Situation können auch Personen mittleren Alters schon gefährdet sein. Dazu gehören u.a. Patienten mit Multipler Sklerose, COPD oder Diabetes mellitus. Bei ihnen kann ein Frailty Screening nach Ansicht der Autoren angebracht sein, obwohl harte Daten den Nutzen (noch) nicht belegen.

Dem Hausarzt kommt eine besondere Rolle zu, denn er hat den besten Überblick über die Entwicklung der Patienten und kann bei einer länger bestehenden Arzt-Patienten-Beziehung am besten Risikofaktoren aufdecken und ihnen ggf. entgegenwirken. Zwar existiert eine Reihe unveränderlicher Risikofaktoren für Frailty wie Genetik oder zurückliegende belastende Ereignisse. Aber einige Faktoren lassen sich im Gegensatz dazu durchaus beeinflussen: die körperliche Aktivität, Ernährung und (auf ärztlicher Seite) eine sorgfältige Verschreibung von Medikamenten.

Für eine Frailty-Prävention rät die Weltgesundheitsorganisation zu mehreren Trainingseinheiten pro Woche, welche die Muskelkraft, die Herz-Lungen-Funktion (in Form eines aeroben Ausdauertrainings) und die Balance stärken. Für ein solches Training müssen die Patienten nicht ins Fitnessstudio. Auch Sportvereine und Volkshochschulen bieten entsprechende Programme an, die speziell auf ältere Menschen ausgerichtet sind. Zusätzlicher Vorteil: Die Betroffenen kommen raus aus ihren vier Wänden und können sich mit Gleichgesinnten austauschen.

Mit dem Alter sinkt der Kalorienbedarf. Isst man weiter die gewohnten Mengen an Makronährstoffen, kann daraus leicht ein (krankhaftes) Übergewicht entstehen. Hoch verarbeiteten Fertiggerichten fehlt es an Vitaminen und Spurenelementen, weshalb Übergewichtige paradoxerweise dennoch mangelernährt sein können. Selbst kochen, vielleicht auch gemeinsames Kochen mit anderen, kann diesem Problem entgegenwirken. Eine mediterrane Diät mit viel frischem Obst und Gemüse, Vollkornprodukten, Fisch und Olivenöl ist empfehlenswert, raten die Experten. Daneben gibt es Hinweise darauf, dass eine milde Kalorienrestriktion, etwa in Form intermittierenden Fastens, zu einem gesunden Alterungsprozess beitragen.

Ältere Menschen haben ein stark erhöhtes Risiko für Polypharmazie. Es kommen immer wieder neue Tabletten auf die Medikationsliste, ohne dass andere, vielleicht gar nicht mehr nötige Therapien abgesetzt werden. Eine Reihe von nicht geeigneten Wirkstoffen (potenziell inadäquate Medikamente im Alter, sog. Priscus-Liste) kann eine Frailty verstärken. Ein regelmäßiger ärztlicher Check im Hinblick auf eine mögliche Reduktion der Medikamente ist also immer ratsam, betonen die Autoren.

Zur Sekundärprävention gehört das physische Training etwa bei bereits vorliegender Sarkopenie und Osteoporose. Widerstandstraining verbessert die Knochen-Mineraldichte und trägt auch auf diese Weise dazu bei, das Risiko von Stürzen und Frakturen zu verringern. Nach einer eventuellen Hospitalisierung sorgt ein individuelles Entlassmanagement dafür, das Risiko einer Rehospitalisierung für ältere Patienten mit einer (Pre-)Frailty erheblich zu senken.

Quelle: Medical Tribune am 03.02.2024

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