02.10.2012

Chaos um Grippeimpfstoffe trifft Risikopatienten

Der gewohnte Zeitraum für die Grippeimpfung zwischen September und November verkürzt sich aufgrund von Lieferverzögerungen um mindestens ein Drittel. Darauf machen die Internisten vom BDI aufmerksam.

In den Bundesländern Bayern, Schleswig-Holstein und Hamburg steht nach wie vor der vorgesehene Grippeimpfstoff für Kassenpatienten nicht oder wenn, dann nur in nicht ausreichender Menge zur Verfügung. Insbesondere für Risikopatienten wie ältere Menschen und chronisch kranke Patienten kann dies Probleme mit sich bringen. „Die Grippeimpfung sollte zwischen September und November verabreicht werden. Dieser Zeitraum verkürzt sich nun durch die Lieferverzögerungen um mindestens ein Drittel, für die meisten sogar noch erheblich stärker, da im Moment noch gar nicht absehbar ist, wann genügend Grippeimpfstoff zur Verfügung steht", sagt Dr. med. Wolfgang Wesiack, Präsident des Berufsverbands Deutscher Internisten (BDI) in Wiesbaden. „Gerade Ältere und Patienten mit einer chronischen Erkrankung haben oft nur ein relativ schmales Impffenster, weil sie im Herbst aufgrund ihres geschwächten Immunsystems häufig unter Infekten leiden und während dieser Zeit nicht geimpft werden dürfen. Der Beginn der Grippeimpfsaison Anfang September ist deshalb sinnvoll und wichtig, um möglichst jedem Risikopatienten die Chance zu geben, eine infektfreie Zeit für die Impfung zu erwischen." So trifft der Mangel an verfügbaren und geeigneten Grippeimpfstoffen vor allem diejenigen, für die der Impfschutz besonders wichtig ist. „Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem die Sparpolitik der Kassen die Gesundheit unserer Patienten möglicherweise gefährdet", warnt Wesiack. „Das können wir nicht akzeptieren." 

Bei Krankenkasse geeigneten alternativen Impfstoff nachfragen

In diesem Jahr wurden für diese drei und auch andere Bundesländer erstmals Rabattverträge mit Impfstoffherstellern für den Bezug des Grippeimpfstoffes vereinbart. Für die Zeit, in der der vorgesehene Impfstoff nicht verfügbar ist, sollen drei Ersatzimpfstoffe angeboten werden. Zu zwei dieser Impfstoff-Alternativen sagt allerdings das Robert Koch-Institut, dass sie zu mehr Lokalreaktionen an der Injektionsstelle wie Schmerzen, Rötungen und Schwellungen führen. Doch auch bei diesen drei Ersatzimpfstoffen gibt es Lieferengpässe. Erst gestern, am 1. Oktober, meldet die AOK Nordwest, dass nun in Hamburg und Schleswig-Holstein etwa 120.000 Impfstoffe verfügbar sind. Nach Angaben des Apothekerverbandes Schleswig-Holstein stellt dies allerdings nur etwa ein Viertel des Gesamtbedarfes dar. Zudem gehören rund 80 Prozent der jetzt lieferbaren Impfstoffe zu den Alternativen, die vermehrt zu Lokalreaktionen an der Injektionsstelle führen. „Bis zum Abend des 1. Oktober waren noch keine Lieferungen bei den Apotheken eingetroffen", so Carsten von Wieding vom Apothekerverband Schleswig Holstein. „Wir werden auch weiter unsere Mitgliedsapothekenbefragen, ab wann wie viel Impfstoff tatsächlich verfügbar ist."

„Es bleibt weiter nebulös. Klare und verlässliche Informationen, wann und in welchem Umfang der ursprüngliche Impfstoff oder eine vergleichbare, gut verträgliche Alternative erhältlich sind, sind Mangelware. Für die Patienten ist dieses Chaos nicht ohne Risiko", betont Wesiack. „Gerade die chronisch Kranken haben nicht viele Möglichkeiten. Entweder weiter zu warten, ohne genau zu wissen, wann der für sie geeignete Impfstoff geliefert wird. Das heißt aber, das damit verbundene Risiko zu akzeptieren. Oder besser sie kontaktieren ihre gesetzliche Krankenkasse und klären, ob eine Kostenübernahme für einen geeigneten alternativen Impfstoff möglich ist." 

Abhängigkeit von einem Hersteller vermeiden

Den Bezug von Grippeimpfstoffen an Rabattverträge zu koppeln, hat in den drei von Lieferschwierigkeiten betroffen Bundesländern zu einer Situation geführt, die aus medizinischer Sicht nicht hinnehmbar ist. „Bei der Grippeimpfung handelt es sich um eine vorbeugende Maßnahme, die in einem bestimmten Zeitraum verabreicht werden sollte", erklärt der Internist. „Ist dies nicht möglich oder treten Verzögerungen auf, geht dies zu Lasten der Patientenversorgung. Bei Grippeimpfstoffen muss sicher gestellt sein, dass Anfang September geeignete Impfstoffe zur Verfügung stehen. Da es bei der komplexen Impfstoffherstellung aber immer wieder zu Produktionsschwierigkeiten bei einzelnen Impfstoffen und damit auch Lieferverzögerungen - wie im Moment - kommen kann, war es ein Fehler, sich durch den Abschluss von Rabattverträgen von einem Hersteller abhängig zu machen". Bis zum Jahr 2011 konnten Ärzte den Impfstoff über Apotheken bestellen. Zu Engpässen bei der Versorgung mit Grippeimpfstoffen war es bis dahin nicht gekommen.

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