05.07.2016

Eine mögliche Ursache für die erhöhte Infektionsanfälligkeit bei Rheuma gefunden

Rheuma gehört zu den Autoimmunerkrankungen. Dabei sind bei Rheumapatienten die Immunabwehrzellen offenbar erschöpft - sie leiden sozusagen an einem T-Zell-Burnout.

Unter entzündlich-rheumatischen Erkrankungen leiden in Deutschland mehr als eine Million Menschen. Zusätzlich wird Rheuma von erhöhter Infektanfälligkeit begleitet: Rheumatiker infizieren sich häufiger mit Viren und Bakterien und erkranken schwerer als Menschen ohne Rheuma. Über die Ursache für diesen Zusammenhang zwischen Rheuma und Infektionen konnten Ärzte bisher nur Vermutungen anstellen. Nun haben Wissenschaftler am Zentrum für Experimentelle und Klinische Infektionsforschung (TWINCORE) in Hannover in einer klinischen Kooperation mit der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) das Rätsel gelöst: Die Abwehrzellen von Rheumapatienten sind offenbar erschöpft - sie leiden sozusagen an einem T-Zell-Burnout (siehe Journal of Allergy and Clinical Immunology (ACI) in Press). 

Rheuma zählt zu den Autoimmunkrankheiten, d.h. ihr Immunsystem richtet sich gegen den eigenen Körper. Um den Krankheitsverlauf zu lindern, nehmen Rheumapatienten häufig Medikamente ein, die das Immunsystem drosseln. In der Folge ist dann auch ihre Abwehrkraft gegen Krankheitserreger geschwächt. „Diese so genannten Immunsuppressiva können aber nicht der einzige Auslöser für die erhöhte Infektanfälligkeit von Rheumapatienten sein, denn auch Rheumapatienten, die nur Schmerzmittel einnehmen, leiden häufiger unter schweren Infekten", erläutert Dr. Theresa Frenz, Wissenschaftlerin am Institut für Experimentelle Infektionsforschung. „Und wenn im Immunsystem etwas nicht rund läuft, muss man sich die Immunzellen der Patienten genauer anschauen."

Die Wissenschaftlerin und ihre Kolleginnen Dr. Elena Grabski und Dr. Daniela Buschjäger arbeiten eng mit der Klinik für Immunologie und Rheumatologie der MHH zusammen. Gemeinsam mit Prof. Dr. Torsten Witte haben sie Patienten der MHH mit zwei verschiedenen Rheumaerkrankungen für ihre Forschung gewinnen können: 30 Patienten mit Rheumatoider Arthritis und 30 Patienten mit Spondyloarthritis. „Beide Rheumaformen befallen das Skelett, jedoch unterschiedliche Bereiche, und auch die Krankheitsverläufe sind unterschiedlich - die erhöhte Infektanfälligkeit der Patienten ist jedoch vergleichbar", erklärt der Rheumatologe Prof. Torsten Witte.

Eine zentrale Rolle im Immungeschehen spielen die „CD4+ T-Helferzellen". Diese Immunzellen helfen bei der Infektionsabwehr, indem sie die zuständigen B-Zellen (B-Lymphozyten) zur Produktion von Antikörpern anregen und andere T-Zellen (T-Lymphozyten) unterstützen. Gleichzeitig können diese Helferzellen aber auch Mitverursacher der entzündlich-rheumatischen Erkrankungen sein.

Aus dem Blut ihrer Studienteilnehmer haben die Forscher die T-Helferzellen isoliert. Auf der Oberfläche dieser Zellen gibt es unterschiedliche Bereiche: Die bedeutendste Andockstelle für andere Zellbestandteile - der so genannte Hauptrezeptor - bindet normalerweise Teile von Krankheitserregern. Daneben gibt es Rezeptoren, die die Funktion der T-Helferzellen mitsteuern: Aktivierende Rezeptoren sorgen dafür, dass die T-Helferzellen sich teilen, Botenstoffe ausschütten und das restliche Immunsystem wachrütteln. Rezeptoren mit hemmender Wirkung fahren dann später - wenn die Infektion überstanden ist - das aggressive Abwehrprogramm wieder zurück und lassen die Zellen absterben. „Bei den Rheumapatienten ist diese klare Trennung in Aktivierung und Hemmung aufgehoben. Die Zellen befinden sich in einem unklaren Zustand, gefangen zwischen Teilung und Tod, und können nur unzureichend für eine Abwehrreaktion gegen Krankheitserreger aktiviert werden. Aber sie können immer noch Schaden anrichten!", berichtet Dr. Frenz. In diesem Zwischenzustand können sie zum Beispiel einen Botenstoff - den so genannten Tumornekrosefaktor - ausschütten, der rheumatische Beschwerden auslöst. Dr. Frenz zufolge sind die Immunzellen schlicht erschöpft - wie bei einer chronischen Virusinfektion - und können schlechter auf angreifende Erreger reagieren als bei gesunden Menschen.

Die gute Nachricht: Unter den unterschiedlichen Rheumamedikamenten, die auf dem Markt sind, ist eines in der Lage, diese Zellerschöpfung zu lindern. Dr. Frenz zufolge bringt dieses Medikament die erschöpften T-Helferzellen wieder zurück in ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Aktivierung und Hemmung. „Diesen Effekt werden wir in kommenden Studien weiter untersuchen", berichtet Prof. Dr. Ulrich Kalinke, Leiter des Instituts für Experimentelle Infektionsforschung. „Derartige Studien können helfen, Rheumapatienten hoffentlich künftig bei der Infektabwehr besser zu unterstützen", betont Prof. Witte.

Quelle: TWINCORE - Zentrum für Experimentelle und Klinische Infektionsforschung