06.05.2010

Einer halben Million Diabetikern droht 3-mal täglich Insulin spritzen

Eine Vorlage Beschlussvorlage des G-BA würde für gesetzlich versicherte Typ-2-Diabetes-Patienten einen Rückschritt in die Medizin der 80er Jahre bedeuten...

Etwa 500.000 Kassenpatienten mit Typ-2-Diabetes erhalten in Deutschland lang wirksame moderne Insulinanaloga. Vorteile der Therapie: die Insuline müssen nur einmal am Tag gespritzt werden und das unabhängig von den Mahlzeiten und - für Diabetiker besonders wichtig - lebensgefährliche Unterzuckerungen (so genannte Hypoglykämien) treten nachweislich seltener auf als unter herkömmlichem Humaninsulin. Eine am 18.03.2010 veröffentlichte Beschlussvorlage des Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA) schließt langwirksame Analoginsuline aus der Erstattungsfähigkeit für gesetzlich versicherte Typ 2 Diabetespatienten aus. Würde dieser Vorlage umgesetzt, müssten sich Diabetes-Patienten wieder 3-mal tägliche Humaninsuline injizieren, wie es vor 20 bis 30 Jahren üblich war. „Dies hätte verheerende Folgen für gesetzlich versicherte Diabetiker und das allgemeine Gesundheitssystem", warnt Prof. Petra-Maria Schumm-Draeger, Vorstandsmitglied der Berufsverbandes Deutscher Internisten (BDI) in Wiesbaden. „Sollte der G-BA-Beschluss wirksam werden, müssten all diese Patienten auf Präparate aus den 80er Jahren umgestellt werden. Die Umstellung ist praktisch sehr aufwendig, setzt Patienten unnötig den Risiken schwerer Unterzuckerungen aus und führt dauerhaft zu einer risikoreicheren Therapie, die nicht weniger, sondern tendenziell sogar mehr Kosten verursacht."

Gravierende Mehrkosten für das Gesundheitssystem

Es ist zu erwarten, dass bei einer Umstellung aller Patienten jedes Jahr zusätzlich mehr als 12.000 schwere Hypoglykämien auftreten, eine medizinische Katastrophe für alle Diabetiker und eine Kostenexplosion für das Gesundheitssystem. „Schwere Hypoglykämien sind lebensbedrohlich und erfordern Notarzteinsätze und Krankenhauseinweisungen. Stationär behandelte Hypoglykämien erhöhen die Belastungen für das deutsche Gesundheitssystem immens", erklärt Prof. Schumm-Draeger, Leiterin der Abteilung für Endokrinologie, Diabetologie und Angiologie am Klinikum Bogenhausen in München. Dazu kommen noch die erhöhten Kosten bei der Umstellung der Patienten durch Erläuterungen, Anpassungen der Insulindosis, Schulungen auf neue Insulinpens, Entsorgung der alten Insulinpens und häufigere Blutzuckerkontrollen.

Kassenwechsel als Ausweg

Aus Angst vor lebensgefährlichen Unterzuckerungen bleibt für viele Diabetiker der Kassenwechsel als einziger Ausweg: Durch Mehrwertverträge zwischen Hersteller und einem Großteil der Kassen können die Versicherten weiter ihr modernes Insulin erhalten. „Gesetzlich Versicherte, deren Kassen keine Verträge mit dem Insulinhersteller abgeschlossen haben, bleibt - sollte der G-BA-Beschluss wirklich in Kraft treten - nur der Wechsel zu einer anderen Krankenkasse", empfiehlt die BDI-Expertin. „Noch hat Gesundheitsminister Rösler Zeit zu reagieren: zum Wohl der Diabetiker und des deutschen Gesundheitssystems."