24.04.2008
Enzymmangel führt zu Dauererektionen
Ein neu entdeckter Botenstoff könnte eines Tages zur Behandlung von Erektionsstörungen eingesetzt werden...
Amerikanische Wissenschaftler haben eine Substanz entdeckt, die eine wichtige Rolle bei der Erektionsfähigkeit des Penis spielt. Das so genannte Adenosin ist ein Botenstoff, der im Penis offenbar zur Erschlaffung der Blutgefäße und so zu einer besseren Durchblutung der Schwellkörper führt (Journal of Clinical Investigation 2008, 118: Seite 1491). Mit dieser Entdeckung haben die Forscher möglicherweise einen wesentlichen krankmachenden Mechanismus für Priapismus entdeckt, eine Erkrankung, bei der es ohne sexuelle Erregung zu Dauerektionen von mehr als 3 Stunden kommt.
Ihre Entdeckung gelang den Wissenschaftlern eher zufällig. Bei der Untersuchung genetisch veränderter Mäuse, denen ein Enzym zum Abbau von Adenosin fehlt, entdeckten sie völlig unerwartet, dass die Geschlechtsteile der männlichen Mäuse dauerhaft erigiert waren. Verschiedene Gewebeuntersuchungen ergaben schließlich eine Anreicherung des Adenosins im Penis - was offenbar zu den lang anhaltenden Erektionen führte. Versorgten die Forscher die Mäuse dagegen mit dem abbauenden Enzym, verschwanden auch die Erektionen.
Beim Mensch kann Priapismus unter anderem durch Leukämie, Sichelzellanämie, Entzündungen des Penis sowie Penis- oder Prostatakrebs ausgelöst werden. Auch manche Medikamente können für diesen Zustand verantwortlich sein. In den meisten Fällen ist die Ursache jedoch unbekannt. Bei den Erektionen kommt es weder zu einem Samenerguss noch zu einem Orgasmus. Die Erkrankung verändert mit der Zeit das Penisgewebe und führt zu einem unwiderruflichen Verlust der Erektionsfähigkeit. „Die neuen Ergebnisse liefern uns einen wichtigen Ansatzpunkt dafür, wie sich Priapismus künftig einmal behandeln lassen könnte", folgert Prof. Michael Köhn aus München. Denn es gebe starke Hinweise darauf, dass Adenosin auch beim Menschen die Erektionsfähigkeit reguliert.
Adenosin auch zur Behandlung von Erektionsstörungen?
Ob sich die Substanz auch zur Behandlung von Erektionsstörungen eignet, muss sich dagegen erst noch zeigen. Adenosin ist ein Botenstoff, der viele Gemeinsamkeiten mit einem anderen Botenstoff besitzt, der bereits zur Therapie genutzt wird, dem Stickstoffmonoxid. Die bekannten Phosphodiesterase-Hemmer Viagra, Levitra oder Cialis verhindern den Abbau des Stickstoffmonoxids und erhöhen so seine Konzentration. Dadurch verbessert sich die Durchblutung des Penis. Prof. Köhn zufolge kann auch Adenosin beim Menschen die Blutgefäße weiten: „Frühere Berichte haben gezeigt, dass Injektionen von Adenosin in die Schwellkörper des Penis bei Männern ebenfalls zu einer Erektion führen können." Wenn es in vergleichbarer Weise gelänge, das Adenosin-abbauende Enzym zu blockieren, könnte dies eine Alternative zu den bislang verfügbaren Medikamenten darstellen.
In diesem Fall gäbe es sogar eine weitere Parallele zu Viagra und Co. Genauso wie das Adenosin wurde auch die Rolle des Stickstoffmonoxids bei der Erektion zufällig entdeckt: Mediziner wurden stutzig, als lediglich Patientinnen in einer ersten Testphase das als Herzmittel entwickelte Viagra nach Gebrauch zurückgeben wollten - die Männer dagegen nicht. Erst dadurch offenbarte sich das wahre Potenzial des Wirkstoffs. Prof. Köhn: „Die männliche Sexualität gibt ihre Geheimnisse anscheinend manchmal gerade dann preis, wenn die Forschung nicht damit rechnet."
