26.10.2020

SARS-CoV-2 geht an die Nieren

Bei COVID-19-Patienten, die auf der Intensivstation behandelt werden müssen, tritt häufig Nierenversagen auf. Nierenauffälligkeiten werden aber auch bei bislang Nierengesunden beobachtet.

Viele zuvor nierengesunde Patienten weisen bereits zu Beginn einer COVID-19-Erkrankung Urinauffälligkeiten auf, bei schweren Verläufen entwickelt sich oft ein akutes Nierenversagen. Eine am UKE Hamburg durchgeführte Obduktionsstudie (siehe The Lancet, Online-Veröffentlichung am 17.8.2020) hat gezeigt: Bei 60% der untersuchten Kohorte (n=63) von an COVID-19 verstorbenen Patienten wurde in den Nieren die RNA von SARS-CoV-2 nachgewiesen. Damit geht SARS-CoV-2 nicht nur an die Nieren, sondern in die Nieren. Der pathologische Befund passt zu der klinischen Beobachtung, dass auch bei bis dato nierengesunden Patienten während einer COVID-19-Erkrankung Nierenauffälligkeiten beobachtet werden.

Mehrere Studien zeigten, dass es bei Patienten, die an COVID-19 erkranken, häufig frühzeitig im Verlauf zu einer Nierenbeteiligung kommt, detektierbar durch den Nachweis einer Albuminurie (und/oder Hämaturie). Eine chinesische Studie (siehe Journal of the American Society of Nephrology, Ende April 2020) kam zu dem Ergebnis, das die Nierenbeteiligung bei COVID-19-Patienten den Verlauf der neuartigen Viruserkrankung dramatisch verschlechtert und die Mortalität um den Faktor 10 erhöht (1,25% der Patienten ohne Nierenbeteiligung verstarben vs. 11,2% der Patienten mit Nierenbeteiligung). Es gibt also Hinweise, dass frühe Zeichen einer Nierenbeteiligung wie Eiweißverlust im Urin, Eiweißreduktion im Blut, auch der Verlust von Antithrombin III prognostisch bedeutsam sind, Nierenparameter wie die Albuminurie also als Seismograf für den Verlauf einer COVID-19-Erkrankung herangezogen werden könnten.

Das Auftreten eines akuten Nierenversagens (AKI) ist als unabhängiger Prädiktor für die Mortalität bei COVID-19-Patienten bekannt – und alles andere als selten: Eine Auswertung der Daten von 10.021 AOK-versicherten Patienten aus über 900 deutschen Krankenhäusern, die Ende Juli publiziert wurde, hatte gezeigt, dass allein 27% der beatmungspflichtigen COVID-19-Patienten während des Krankenhausaufenthalts dialysiert werden mussten, was bedeutet, dass sie ein schweres akutes Nierenversagen erlitten hatten. Das gleiche Ergebnis hatte zuvor schon eine Umfrage des Verbands der leitenden Krankenhausnephrologinnen und Krankenhausnephrologen (VLKN) unter seinen Mitgliedern ergeben. „Die nephrologische Mitbetreuung und Nachsorge von COVID-19-Patienten mit schwerem akutem Nierenversagen ist für ein gutes Therapieergebnis wichtig, erklärt Prof. Dr. Julia  Weinmann-Menke, Mainz, Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN).

Eine aktuelle Auswertung von Nephrologen der Charité zeigte, dass selbst bei schwerem AKI eine vollständige Gesundung der Nieren erreicht werden kann, allerdings geht oft eine längere Phase der Dialysepflichtigkeit voraus. Die längste Dauer bis zur Genesung betrug in der Studie 103 Tage. Aber immerhin hatten sich die Nieren bei 73% der entlassenen Patienten wieder vollständig erholt. „Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings auch, dass ein Viertel der COVID-19-Patienten, die ein akutes Nierenversagen erlitten hatten, bis zur Entlassung keine komplette Erholung der Nierenfunktion aufwies. Es liegt auf der Hand, dass diese Patienten einem nephrologischen Nachsorgeprogramm zugeführt werden müssen“, so die Pressesprecherin.

Quelle: journalmed am 30.9.2020

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