17.10.2012
Warum Übergewicht und Stress schlecht fürs Herz sind
Fettgewebe sondert Hormone ab - sog. Endocannabinoide, die nicht nur im Gehirn wirken, sondern offenbar auch die Entwicklung von Herzinfarkten begünstigen.
Übergewicht wird in den Industrieländern zunehmend zur Volkskrankheit. Heute schon schleppt knapp ein Drittel der Menschen zu viele Kilos mit sich herum, Tendenz steigend. Wenn sich diese Personen zudem wenig bewegen und etwa beruflich unter starkem Stress stehen, riskieren sie eher, einen Herzinfarkt zu erleiden, wie schon länger bekannt ist. Doch nun haben Forschende und Ärzte um Thomas Schindler vom Universitätsspital Genf die molekularen Grundlagen dieses Zusammenhangs zu Tage gefördert: Die Hauptrolle spielen dabei das Fettgewebe - und die Botenstoffe, die dieses unter Stress vermehrt freisetzt.
Diese Hormone heißen Endocannabinoide. Sie gleichen chemisch gesehen den psychoaktiven Substanzen der Cannabis-Pflanze und docken an die gleichen Schaltstellen oder Rezeptoren an, die es nicht nur im Gehirn, sondern auch an den Wänden der Blutgefäße gibt. In den Herzkranzgefäßen beschränken sie die Elastizität der Wände, vermindern so die funktionelle Weitstellung und somit den maximalen Blutfluss in den Herzmuskel, wie Schindler mit seinen Kolleginnen und Kollegen in einer klinischen Studie mit 111 normal- und übergewichtigen Teilnehmenden aufzeigen konnte (siehe Journal American College of Cardiology JACC 2012, Cardiovascular Imaging Band 5, Seite 805-812).
Je größer das auf die Körpergröße bezogene Gewicht, der so genannte Body-Mass-Index, desto höher waren die im Blut gemessenen Endocannabinoid-Spiegel und desto niedriger war der maximale Blutfluss ins Herz. „Eine verminderte funktionelle Weitstellung der Herzgefäße wird als eine Vorstufe zur Entwicklung einer koronaren Herzerkrankung gesehen, die zu einem Herzinfarkt oder im schlimmsten Fall zum Herztod führen kann", erläutert Schindler. Zu empfehlen sei deshalb, was diese Wirkungskette unterbrechen könne: regelmäßige Bewegung, welche die Fettpolster verkleinere, und weniger Stress im Alltag, was die Endocannaboid-Freisetzung reduziere.
Außerdem biete der nun aufgedeckte Wirkmechanismus einen möglichen Ansatzpunkt für neue, herzschützende Medikamente, sagt Schindler. Nun könne man nach Substanzen suchen, welche die negativen Wirkungen der Endocannabinoide an der Gefäßwand neutralisieren könnten. „Weil ungefähr 60 Prozent der Personen mit einer koronaren Herzerkrankung trotz optimaler präventiver Therapie schließlich einen Herzinfarkt erleiden, sind neue Medikamente dringend nötig", meint Schindler.
Quelle: Schweizerischer Nationalfonds SNF
