13.10.2009
Eine Erkrankung der Seidenstraße im Fokus der deutschen Rheumatologen
Im Mittelpunkt des diesjährigen Kongresses der Rheumatologen stand der Morbus Adamantiades-Behçet (MAB), an dem vor allem Menschen aus dem östlichen Mittelmeerraum erkranken. Auch im Orient bis nach Korea und Japan ist MAB verbreiteter als in der übrigen Welt, weshalb Ärzte ihn häufig als „Erkrankung der Seidenstraße“ bezeichnen.
An der Rheuma-Erkrankung Morbus Adamantiades-Behçet (MAB) ist auffällig, dass sie hierzulande besonders häufig Menschen betrifft, die aus dem östlichen Mittelmeerraum stammen – und zwar etwa 20 Mal häufiger als Deutschstämmige. Insbesondere in der Türkei ist der Anteil der MAB-Patienten an der Gesamtbevölkerung noch höher. Genaue Ursachen für diese Häufigkeitsunterschiede sind bislang unklar. Um den Wissensaustausch über MAB zu verbessern, hat dieses Krankheitsbild einen inhaltlichen Schwerpunkt auf dem des 37. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie gebildet, der vom 23. bis 26.09.2009 in Köln stattfand. Dort haben auch Mediziner aus dem diesjährigen Partnerland des Kongresses - der Türkei - speziell über ihre Erfahrungen mit dem Krankheitsbild MAB berichtet.
MAB gehört zu den entzündlichen rheumatischen Gefäßerkrankungen, den so genannten Vaskulitiden, bei denen die körpereigene Abwehr die Blutgefäße der Organe angreift. Sichtbar wird die Krankheit zunächst in Form schmerzhafter Wunden in der Mundschleimhaut. Ähnliche Geschwüre treten auch im Genitalbereich auf. Oft bildet die Haut rote Knötchen. In 80 Prozent der Fälle geht die eitrige Entzündung auf die Augen über. Bis zur Hälfte der Patienten erblinden daran. Bei der Erstdiagnose ist der so genannte Katzenellenbogen- oder Pathergie-Test hilfreich: Nach Injektion einer Salzlösung in die Haut bildet sich bei 30 Prozent der Patienten innerhalb von zwei Tagen ein Knötchen.
In keinem anderen Land der Erde erkranken so viele Menschen an einem MAB wie in der Türkei: Auf 100.000 Einwohner kommen dort 80 bis 370 Erkrankte. Auch im Orient bis nach Korea und Japan ist MAB verbreiteter als in der übrigen Welt, weshalb Ärzte ihn häufig als „Erkrankung der Seidenstraße“ bezeichnen. Wissenschaftler führen diesen räumlich begrenzten Ursprung auf die spezifische Genausstattung der dort lebenden Menschen zurück: Insbesondere das Gen HLA-B51 scheint eine entgleiste, rheumatische Immunreaktion zu begünstigen. Aber auch Umwelteinflüsse und Viren spielen wahrscheinlich bei der Entwicklung der Krankheit eine Rolle. Denn hierzulande erkranken türkische Einwanderer und deren Nachfahren seltener als ihre Verwandten in der Türkei: Experten schätzen die Häufigkeit auf 21 pro 100.000. Unter Deutschstämmigen sind weniger als einer von 100.000 betroffen.
Ein mild verlaufender MAB lässt sich mit Kortison behandeln. Bei schweren Verläufen und wenn die Krankheit die Augen befällt, müssen Rheumatologen ergänzend Medikamente einsetzen, die gezielt die körpereigene Abwehr blockieren. Dies wirkt sich jedoch auf das gesamte Immunsystem des Patienten aus und macht ihn anfällig für Infekte. Derzeit prüfen Wissenschaftler den Einsatz von Interferon - ein körpereigenes Eiweiß, dass auch zur Therapie von Krebs angewendet wird – im Rahmen der so genannten INCYTOB-Studie, an der mehr als 20 deutsche Behandlungszentren beteiligt sind und die von der Universität Tübingen koordiniert wird.
