19.02.2020

Hormonbehandlung im Alter erfordert Fingerspitzengefühl

Hormone sind kein Jungbrunnen für alte Menschen. Der übertriebene Einsatz von Insulin, Schilddrüsenhormon und Testosteron kann im Alter sogar mehr schaden als nutzen.

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Der Rückgang der Hormonproduktion wurde in der Vergangenheit nicht nur als Folge, sondern als mitverantwortlich für das Altern angesehen. „Unter dem Schlagwort Endokrinoseneszenz galt es, Hormondefizite normnah auszugleichen“, berichtet Prof. Dr. med. Cornelius Bollheimer von der Uniklinik RWTH Aachen. Doch alle Versuche, durch Geschlechtshormone, Wachstumshormone, Melatonin oder Testosteron das Altern aufzuhalten, sind nach Einschätzung des Lehrstuhlinhabers für Altersmedizin gescheitert. „Hormone sind als Anti-Aging-Methode nicht effektiv“, erklärt Bollheimer. Studien hätten gezeigt, dass gerade bei alten Menschen mit Diabetes, Schilddrüsenunterfunktion oder Männern mit niedrigem Testosteron Hormongaben mit Bedacht verordnet werden müssen.

Beispielsweise kann eine straffe Behandlung bei Diabetes mellitus, die Blutzuckerwerte wie beim jungen Menschen anstrebt, schnell zur Unterzuckerung führen, für die laut Bollheimer ältere Menschen anfälliger sind als junge: „In den Hypoglykämie-Episoden kommt es dann zu schwerwiegenden Stürzen mit Knochenbrüchen, und im Gehirn fördern Unterzuckerungen die Entwicklung einer Demenz“, warnt der Experte. Dies sehen auch die Fachverbände so. Die American Diabetes Association erlaubt bei gebrechlichen alten Patienten Abweichungen von der Norm: Der Nüchtern-Blutzucker darf schon mal bei 130 mg/dl liegen. Auch hierzulande empfehlen medizinische Fachgesellschaften höhere Zielwerte. Der Langzeitblutzucker HbA1c, der gewöhnlich bei einem Zielkorridor von 48 und 58 mmol/mol (6,5 bis 7,5 Prozent) liegt, darf bei alten Menschen bis an das obere Ende bei 58,5 mmol/mol (7,5 Prozent) ausgeschöpft werden. Geht es um den Blutzuckerwert zur Nacht, empfehlen die Hormonexperten sogar 100-180 mg/dl (5,6-8,3 mmol/l).

Auch bei der Schilddrüse gelten für ältere Menschen heute andere Regeln. Eine häufige Störung ist hier die subklinische Schilddrüsenunterfunktion. Die Konzentration des Hormons FT4 befindet sich noch im Normalbereich. Die Patienten haben keine Beschwerden. Doch ein Anstieg des Steuerhormons TSH zeigt an, dass die Drüse ihre Aufgaben nur unter vermehrtem Antrieb durch die Hirnanhangdrüse erfüllt. Bei jüngeren Patienten empfehlen die Endokrinologen eine Hormonbehandlung, um die Schilddrüse zu entlasten und langfristig Schäden für Herz und Kreislauf abzuwenden. „Bei älteren Menschen fehlen Hinweise, dass Patienten mit einer subklinischen Schilddrüsenunterfunktion in irgendeiner Weise von der Hormonbehandlung profitieren“, berichtet Bollheimer. Die Leitlinien hätten den TSH-Wert, ab dem mit einer Behandlung begonnen werden soll, bei älteren Menschen auf 10 mU/l erhöht.

Die größten Missverständnisse bestehen bei der Testosteronbehandlung des alten Mannes. In Analogie zu den Wechseljahren der Frau, der Menopause, wurde von einer Andropause des Mannes gesprochen. „Das ist falsch“, bekräftigt der Experte: „Beim Mann gibt es kein abruptes Erlöschen der Hormonproduktion wie bei der Frau. Männer haben keine Wechseljahre.“ Richtig sei, dass die Testosteronbildung mit dem Alter nachlasse. Das geschehe aber nicht abrupt, sondern gleichmäßig und von Mann zu Mann höchst unterschiedlich. Ein gesunder 30-jähriger Mann könne einen niedrigeren Testosteronwert aufweisen als ein gesunder 80-Jähriger. Auch sei noch nicht hinreichend geklärt, ob das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall durch eine zu liberale Testosterongabe erhöht wird. Das Fazit des Experten: „Testosteron ist kein Medikament für die Geriatrie.“

Die neuen Erkenntnisse bedeuten indes nicht, dass ältere Menschen nicht auf Blutzucker, Schilddrüse und Testosteron achten sollten. Die Hormonwerte sollten kontrolliert und in den spezifischen biologischen und medizinischen Kontext  - Allgemeinzustand, Lebenserwartung, Gewicht sowie Erkrankungen - des jeweiligen Patienten gesetzt werden, betont Prof. Dr. med. Andreas Schäffler vom Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM). „Bei geriatrischen Patienten ist immer ein endokrinologisches Fingerspitzengefühl neben einem breiten internistischen Wissen gefordert“, ergänzt der Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik III am Standort Gießen, der auch als Kongresspräsident des nächsten Kongresses für Endokrinologie vom 4.-6. März in Gießen fungieren wird.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie

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