23.03.2018
Mehr Leberschäden durch Pflanzenpräparate und Anabolika
Zunehmend Leberschäden durch pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel - häufig sind das Grüntee-, Baldrian- oder Sojaextrakte - und durch Anabolika werden derzeit in Spanien beobachtet.
Die Natur hat zwar die stärksten bekannten Gifte hervorgebracht, dennoch gibt es viele Menschen, die nach wie vor glauben, Heilmittel aus Pflanzen seien per se weniger schädlich oder hätten weniger Nebenwirkungen als synthetische Präparate. In entsprechenden Dosierungen eingenommen und bei bestehenden Überempfindlichkeiten können jedoch sogar Extrakte aus grünem Tee oder Baldrian der Leber zum Verhängnis werden. Darauf deutet eine Analyse eines spanischen Registers für arzneimittelinduzierte Leberschäden (siehe Clinical Gastroenterology and Hepatolgy, Online-Veröffentlichung am 4.1.2018). In das Register werden auch Fälle aufgenommen, die auf Nahrungsergänzungsmittel und illegal eingenommene Anabolika zurückzuführen sind.
Ein Team um Dr. Inmaculada Medina-Caliz von der Universität in Malaga interessierte sich vor allem für pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel. Im Gegensatz zu pflanzlichen Arzneimitteln sind hier die gesetzlichen Regeln etwas laxer - häufig ist die genaue Zusammensetzung und Dosierung solcher Mittel unklar – und neben den erwünschten Wirkstoffen enthalten solche Präparate mitunter lebertoxische Begleitstoffe.
Die Forscher um Medina-Caliz fanden zwischen 1994 und 2016 insgesamt 856 Einträge zu Leberschäden. Diese definierten sie entsprechend den Konsensuskriterien des Council for International Organization of Medical Sciences (CIOMS). Demnach wurde zum Beispiel ein Leberschaden bei ALT-Werten (für das Leberenzym Alanin-Transaminase) angenommen, die mindestens über dem Fünffachen der Normwerte lagen.
Nach diesen Kriterien ließen sich 32 Fälle (3,7%) auf Pflanzenpräparate zurückführen. Sieben Patienten hatten Grüntee-Präparate genommen, zwei Sojaextrakte und ebenfalls zwei Baldrianzubereitungen. Auf der Liste fanden sich auch Produkte mit Inhaltsstoffen aus Sägepalmen, Rosskastanien, Ginkgo, Oleander sowie zahlreiche Kombinationspräparate. In allen Fällen wurden die jeweiligen Präparate (nach den Kriterien des CIOMS sowie der Roussel Uclaf Causality Assessment Method) als wahrscheinliche Ursache für den Leberschaden angesehen.
Eine 38-jährige Frau starb nach dem Genuss eines pflanzlichen Schlankheitsmittels an Leberversagen, bei den meisten übrigen Betroffenen normalisierten sich die Leberwerte nach dem Absetzen der jeweiligen Präparate wieder.
Ein Großteil (47%) hatte die Produkte zur Gewichtsreduktion eingenommen, die restlichen Betroffenen aufgrund von Menopausensymptomen oder gegen Ängste, Schmerzen und Verstopfung. Zwei Drittel waren weiblich, das Durchschnittsalter betrug 48 Jahre. Aufgefallen waren die meisten (78%) durch eine Gelbsucht.
Bei der Laboranalyse zeigten die Betroffenen im Schnitt deutlich schlechtere Leberwerte als solche mit Leberschäden durch zugelassene Arzneimittel. So lagen die ALT-Spiegel bei den Phytoprodukt-Anwendern mit Leberschäden im Schnitt 37-fach über dem Normwert, das 19-fache wurde bei Patienten mit arzneimittelinduzierten Leberschäden beobachtet. Auch die Werte für das Leberenzym Aspartat-Aminotransferase (AST) waren bei Konsumenten von Nahrungsergänzungsmitteln rund doppelt so hoch. Von diesen hatten immerhin 78% einen ernsthaften Leberschaden, hingegen wurden nur 68% der arzneimittelinduzierten Leberschäden als moderat, schwer oder fatal beurteilt. Der Unterschied lässt sich vielleicht damit erklären, dass die Leberwerte bei Patienten mit Arzneimitteln häufiger kontrolliert werden.
Etwa zwei Drittel der Patienten mit phytobedingten Leberschäden mussten stationär aufgenommen werden, drei von ihnen entwickelten ein akutes Leberversagen.
Interessant ist auch der zeitliche Verlauf: Das Problem mit pflanzlichen Präparaten tauchte erst Ende der 1990er-Jahre auf. 2013 ließen sich bereits 6% aller Leberschäden auf den Konsum von pflanzlichen Nahrungsergänzungsmitteln zurückführen, 2008 waren es noch 2%. Eine deutsche Studie kommt mit 5,1% auf einen ähnlich hohen Anteil wie die aktuellen spanischen Daten, in den USA deuten ähnliche Register auf einen Anteil von sogar 16%.
Noch mehr im Kommen sind jedoch Leberschäden durch unkontrolliert eingenommene anabole Steroide. Solche Schäden wurden im Beobachtungszeitraum bei 20 Patienten registriert – die meisten davon traten in den Jahren 2014–2016 auf. Die Patienten waren durch die Bank männlich und mit im Schnitt 31 Jahren relativ jung. Alle bis auf einen jungen Mann hatten einen moderaten bis schweren Leberschaden, 16 mussten sich in einer Klinik behandeln lassen.
Die Forscher um Medina-Caliz gehen davon aus, dass es sich bei den registrierten Fällen von Phyto- und Anabolika-induzierten Leberschäden nur um die Spitze des Eisbergs handelt – die meisten Fälle würden vermutlich nicht erfasst. Sie plädieren dafür, auch Nahrungsergänzungsmittel strengeren Kontrollen und Vorschriften zu unterziehen. Fazit: Ärzte sollten bei auffälligen Leberwerten auch an Nahrungsergänzungsmittel und/oder Anabolika denken.
Quelle: Thomas Müller, Springer Medizin online vom 16.1.18

