15.01.2021

Wie die Pandemie Patienten mit Lebererkrankungen beeinträchtigt

Akut lebensbedrohliche Komplikationen wie die Dekompensation einer Leberzirrhose wurden aufgrund der Pandemie-bedingten Einschränkungen erst stark verspätet erkannt.

Die Corona-Pandemie stellt eine Belastung für die Gesundheitssysteme dar. Dies wirkt sich auch negativ auf die Versorgung von Patienten mit chronischen Lebererkrankungen aus, wie gerade publizierte Daten aus dem Deutschen Hepatitis C-Register (DHC-R) der Deutschen Leberstiftung belegen (siehe JHEP Reports vom 2.4.20 und JHEP Reports vom 4.8.20).

Um zu erfassen, ob und ggf. in welchem Umfang die Corona-Pandemie und daraus resultierende Einschränkungen die Versorgung von Patienten mit chronischen Lebererkrankungen beeinträchtigt, wurde im Deutschen Hepatitis C-Register vom 24. Juli bis zum 21. August 2020 eine Internet-basierte Umfrage durchgeführt, an der 64 Zentren aus dem Bundesgebiet teilnahmen (siehe Zeitschrift für Gastroenterologie, Online-Veröffentlichung am 9.11.2020).

Die Auswertung der so erfassten Daten zeigte, dass nur ein Drittel der teilnehmenden Zentren (32 Prozent) ihre Lebersprechstunde zwischen März und Mai 2020 unverändert fortgesetzt hatte. Über die Hälfte der Zentren (58 Prozent) hatte die Lebersprechstunde teilweise eingeschränkt und elf Prozent der Zentren ihre Lebersprechstunde vorübergehend eingestellt. Dabei ging mehr als die Hälfte der Terminabsagen von den Patienten aus (53 Prozent). Ab Juli 2020 kehrten alle Zentren zu ihrem üblichen Sprechstundenangebot zurück.

Ergänzend bzw. alternativ zur Lebersprechstunde wurden Elemente der Telemedizin genutzt: Etwa die Hälfte der Zentren (52 Prozent) richtete neue oder zusätzliche Sprechstunden per Telefon ein und 17 Prozent etablierten eine neue Videosprechstunde. Fast die Hälfte der Zentren (45 Prozent) bot keine neuen Möglichkeiten der Sprechstunde an.

Fast 80 Prozent der teilnehmenden Zentren gaben keine wesentliche Einschränkung der Patientenversorgung an. Allerdings wurden zwischen März und Mai 2020 bei deutlich weniger Patienten eine antivirale Therapie zur Behandlung der Hepatitis C begonnen als im gleichen Zeitraum 2019. Und etwa ein Fünftel der teilnehmenden Zentren (22 Prozent) gab an, dass die Dekompensation einer Leberzirrhose erst später als im Normalfall erkannt wurde. In 9,4 Prozent der Zentren wurde sogar Leberzellkrebs (HCC, Hepatozelluläres Karzinom) verzögert diagnostiziert.

Der wissenschaftliche Leiter des Registers und Erstautor der Publikation, Dr. Dietrich Hüppe, fasst die Ergebnisse zusammen: „Wir können eindeutig feststellen, dass durch die Corona-Pandemie sowohl die Diagnostik als auch die Therapie und die Überwachung von chronischen Lebererkrankungen beeinträchtigt wurde. Glücklicherweise kam es nach Einschätzung der Mehrheit der Zentren mittel- und langfristig jedoch zu keiner Unterversorgung. Sorge bereitet uns aber, dass aufgrund der Pandemie-bedingten Einschränkungen gerade akut lebensbedrohliche Komplikationen wie die Dekompensation einer Leberzirrhose in erheblichem Maß verspätet erkannt wurden.“

Die Dekompensation einer Leberzirrhose kann verschiedene Komplikationen verursachen, wie z. B.: Bauchwassersucht (Aszites), Pfortaderhochdruck, Leberzellkrebs, eine Leber-bedingte Gehirnerkrankung (hepatische Enzephalopathie) sowie Krampfadern in der Speiseröhre (Ösophagusvarizen).

Patienten mit fortgeschrittenen Lebererkrankungen sowie Lebertransplantierte stellen wohl anfällige Gruppen für COVID-19 dar und sind wahrscheinlich einem erhöhten Infektionsrisiko und/oder einem schweren Verlauf von COVID-19 ausgesetzt. Um die bestmögliche Versorgung in der Pandemie zu unterstützen, haben die European Association for the Study of the Liver (EASL) und die European Society of Clinical Microbiology and Infectious Diseases (ESCMID) ein Positionspapier erarbeitet, das Empfehlungen für Ärzte enthält, die Patienten mit chronischen Leberkrankheiten behandeln. In den letzten Monaten hat sich zunehmend gezeigt, dass bei der Versorgung von Patienten mit COVID-19 bestehende Lebererkrankungen und Leberschäden berücksichtigt werden müssen. Daher wurde sechs Monate nach Beginn der Pandemie eine Aktualisierung dieses Positionspapiers erarbeitet. Es fasst die Evidenz für eine Auswirkung von Lebererkrankungen auf den Krankheitsverlauf von COVID-19 zusammen und gibt Empfehlungen für die Rückkehr zur Routineversorgung, wo immer dies möglich ist. Die Deutsche Leberstiftung hat beide Publikationen, die Empfehlungen zur Betreuung von Patienten mit chronischen Leberkrankheiten enthalten, in deutscher Sprache auf ihrer Webseite herausgegeben

Quelle: Deutsche Leberstiftung

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