20.12.2016
Neue Medikamente für bestimmte Rheuma-Varianten in den Startlöchern
Rheumatologen hoffen auf eine zügige Zulassung vielversprechender neuer Wirkstoffe, damit die rheumatologische Forschung schnellstmöglich beim Patienten ankommt.
Gegen einige Formen von Rheuma sind derzeit noch keine Medikamente zugelassen, etwa für die Behandlung der schmerzhaften entzündlichen Erkrankungen des Bindegewebes (Kollagenosen) oder der chronisch-entzündlichen Erkrankungen der Blutgefäße (Vaskulitiden). Die Situation der Patienten könnte sich jedoch in den nächsten Jahren dank intensiver Forschung verbessern. Das haben Experten anlässlich des 44. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) Anfang September in Frankfurt angekündigt.
Rheuma betrifft nicht nur die Gelenke. In ihren vielen verschiedenen Formen greifen entzündlich-rheumatische Autoimmunerkrankungen auch Organe, Gewebe und sogar die Haut an. Bei den Kollagenosen, wie Lupus erythematodes (SLE) oder dem Sjögren-Syndrom, erkrankt das Bindegewebe, Vaskulitiden greifen die Blutgefäße an. „Während gegen Gelenkrheuma wirksame Medikamente verfügbar sind, ist die medikamentöse Therapie von Kollagenosen und Vaskulitiden noch eingeschränkt", erklärt Prof. Dr. med. Ulf Müller-Ladner, Ärztlicher Direktor der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim. Um die vielfältigen Varianten und Erscheinungsformen von Rheuma zu behandeln, benötigen Ärzte mehr Wirkstoffe, als derzeit zur Behandlung der jeweiligen Erkrankungen zugelassen sind.
Deshalb hoffen Rheumatologen darauf, dass schon bald mehr lindernde Medikamente für spezielle rheumatologische Varianten zur Verfügung stehen: Im vergangenen Jahr wurde mit Secukinumab der erste Wirkstoff eingeführt, der den Botenstoff Interleukin 17 blockiert. „Interleukin 17 ist eine der wichtigsten entzündungssteigernden Signalsubstanzen und vor allem bei Entzündungsvorgängen an der Wirbelsäule und den Sehnenansätzen eine treibende Kraft", erläutert Prof. Müller-Ladner. Das Mittel wird bereits erfolgreich bei Schuppenflechte mit Gelenkbefall (Psoriasis-Arthritis) eingesetzt, und auch bei Morbus Bechterew, einer Krankheit, bei der die Rückenwirbel miteinander verwachsen und versteifen. Schon im nächsten Jahr könnten mit Tofacitinib und Baricitinib zwei weitere Wirkstoffe zugelassen werden. Die Mittel blockieren ebenfalls die Weiterleitung der Entzündungssignale innerhalb der Abwehrzellen. „In klinischen Studien haben Tofacitinib und Baricitinib eine starke Wirkung bei guter Verträglichkeit gezeigt", berichtet Prof. Müller-Ladner. „Viele Patienten dürften auch begrüßen, dass Kinasehemmer als Tabletten eingenommen werden können", so der Experte.
Kinasehemmer (auch Kinase-Inhibitoren genannt) entfalten ihre Wirkung in den immunologisch aktiven Zellen selbst: Sie blockieren direkt am Zellkern (im Zellinneren) Enzyme (sog. Kinasen) und verhindern so die Bildung von Entzündungszytokinen. Kinasehemmer sind kleine, lose vorkommende Eiweißmoleküle, die nicht durch die Magensäure zerstört und daher oral verabreicht werden können. Im Gegensatz dazu wirken Biologika, indem sie als Antikörper an Bindungsstellen außerhalb immunologisch aktiver Zellen (v.a. Monozyten, Lymphozyten) angreifen und die Freisetzung von Entzündungsmediatoren und damit die Entstehung bzw. Aufrechterhaltung der Entzündung vermindern.
Bis zur Einführung eines weiteren Wirkstoffs - Mavrilimumab - dürften noch einige Jahre vergehen. Dieser Antikörper verhindert, dass so genannte Fresszellen die Entzündungsreaktion im Gewebe anstacheln. Prof. Müller-Ladner hofft, dass dieses Medikament auch bei Vaskulitiden wirksam ist. Dazu müssen aber noch die Ergebnisse weiterer klinischer Studien abgewartet werden. Auch die Beseitigung der Entzündungszellen ist eine erfolgreiche Behandlungsstrategie: Rheumatologen setzen seit einigen Jahren den Antikörper Rituximab ein, ursprünglich ein Krebsmedikament, das die Vernichtung von Krebszellen veranlasst. „Rituximab ist zu einem festen Bestandteil in unserem Therapierepertoire für die Behandlung der rheumatoiden Arthritis geworden", bekräftigt Prof. Müller-Ladner. Inzwischen wurde Rituximab zur Behandlung von Vaskulitiden zugelassen und auch bei der systemischen Sklerose, einer rheumatischen Erkrankung der Haut bzw. Kollagenose, hat sich der Wirkstoff nach Angaben von Prof. Müller-Ladner als wirksam erwiesen.
„Entscheidend ist für uns, dass vielversprechende Wirkstoffe zügig die Zulassungsverfahren durchlaufen und damit die rheumatologische Forschung schnellstmöglich beim Patienten ankommt", betont Prof. Müller-Ladner.
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh)
