17.06.2015
Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen
Ein Medikament, das z.B. gegen Rheumatoide Arthritis eingesetzt wird, kann auch gefährliche Blutfette reduzieren. Das berichten Forscher des Exzellenzclusters Entzündungsforschung in Kiel.
Ein positiver und bisher unbekannter Nebeneffekt wurde kürzlich bei einem gebräuchlichen Rheumamedikament festgestellt: Das Präparat Tocilizumab kann den Gehalt eines speziellen cholesterin-haltigen Moleküls namens Lipoprotein(a) senken. Das berichten Forscher des Exzellenzclusters Entzündungsforschung in Kiel (siehe Journal of Lipid Research, Online-Vorabveröffentlichung am 21.2.2015). Besonders Menschen, die an chronischen Entzündungskrankheiten leiden, haben häufig erhöhte Lipoprotein-(a)-Spiegel , was langfristig zu Arterienverkalkung und arteriellen Thrombosen führen kann.
Das Team unter der Leitung von Prof. Matthias Laudes untersuchte, wie das so genannte Lipoprotein(a) - abgekürzt: Lp(a) - im Körper gebildet wird und wie dessen Gehalt im Blut reduziert werden kann. Lp(a) entsteht aus einer Verbindung zwischen dem so genannten schlechten Cholesterin (low density lipoprotein, LDL) und einem Apolipoprotein(a), welches in der Leber entsteht. „Lp(a) schädigt die Blutgefäße in erheblich stärkerem Maß als das schlechte Cholesterin", erklärt Dr. Nike Müller, Erstautorin der aktuellen Studie. „Deswegen konzentrierten sich unsere Untersuchungen auf Möglichkeiten, wie man einen erhöhten Lp(a)-Gehalt senken kann." Der Lp(a)-Gehalt ist zu 50 Prozent genetisch bedingt, die restlichen 50 Prozent werden physiologisch gesteuert. Die Forscherinnen und Forscher wollten herausfinden, wie man die nicht-genetischen Faktoren beeinflussen kann.
Bisher gibt es zwei Therapieansätze bei erhöhtem Lp(a)-Gehalt: Entweder mit dem Medikament Niacin; dieses Präparat wurde aber wegen zu starker Nebenwirkungen vom Markt genommen. Oder die Betroffenen müssen sich regelmäßig einmal pro Woche einer mehrstündigen Blutwäsche (Dialyse) unterziehen, bei der schlechte Fette aus dem Blut gefiltert werden. Diese Methode funktioniert sehr gut, ist aber mit einem hohen Aufwand für die Betroffenen verbunden. Die Wissenschaftlergruppe unter der Leitung von Laudes, der im Forschungsschwerpunkt Kiel Life Science an der Schnittstelle von Agrar- und Ernährungswissenschaftlicher sowie Medizinischer Fakultät forscht, wollte einen neuen und vor allem einfacher zu handhabenden Therapieansatz für Betroffene finden. Eher zufällig bemerkten sie, dass Erkrankte mit einer rheumatoiden Arthritis, die mit dem Medikament Tocilizumab behandelt wurden, einen auffällig niedrigen Lp(a)-Gehalt aufwiesen.
Zur Überprüfung dieser Feststellung untersuchte die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Nike Müller in einer Kohorte mit 2.000 Teilnehmenden aus der norddeutschen Bevölkerung, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Gehalt an Lp(a) und Interleukin-6 (einem Molekül, das bei Entzündungen stark erhöht ist) gibt. „Dabei trat ein erhöhter IL-6 Gehalt zusammen mit einem erhöhten Lp(a)-Gehalt sowohl im Blut als auch in der Leber auf - dem Ort, wo die besonders risikoreiche Komponente des Lp(a) gebildet wird", berichtet Müller. Diesen Zusammenhang wies das Team mithilfe verschiedener unabhängiger Methoden nach. Damit ist der positive Einfluss des Rheumamedikamentes auf den Lp(a)-Gehalt nachweislich vorhanden. Die Ergebnisse könnten in der Stoffwechselmedizin besonders wichtig sein, so Studienleiter Laudes: „Wir wissen jetzt, dass die Therapie mit Tocilizumab gleich zwei Erkrankungen behandelt: Die rheumatoide Arthritis und erhöhtes Lp(a). Wenn das Präparat zukünftig auch eine Zulassung für die Behandlung von erhöhten Lp(a) Werten im Allgemeinen bekäme, hätten wir Mediziner eine gute Handlungsgrundlage, um das Medikament auch bei betroffenen Patientinnen und Patienten ohne Vorliegen einer rheumatoiden Arthritis gezielt einzusetzen, als Alternative zur Dialyse. Dies würde die Therapie dieser Fettstoffwechselstörung für Ärztinnen und Ärzte sowie Erkrankte erheblich vereinfachen."
Quelle: Exzellenzcluster Entzündungsforschung
