19.11.2016
Bewusstsein für die wichtige Funktion der Leber nach wie vor zu gering
Eine Bestimmung der Leberwerte kann wichtige Hinweise auf den Gesundheitszustand der Leber geben und sollte Experten zufolge zu jeder Routine-Untersuchung gehören.
Das Motto des 17. Deutschen Lebertages lautet „Leber/wert/voll". Damit soll am 20. November 2016 auf die Möglichkeit und Notwendigkeit hingewiesen werden, die Leberwerte überprüfen zu lassen, da sie wichtige Hinweise auf den Gesundheitszustand der Leber geben können. Die Ausrichter des Deutschen Lebertages sind die Deutsche Leberstiftung, die Deutsche Leberhilfe e. V. und die Gastro-Liga e. V.
Anlässlich des bundesweiten Aktionstages führten die Ausrichter des Deutschen Lebertages ein Gespräch mit Prof. Dr. med. Fritz von Weizsäcker, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin I an der Schlosspark-Klinik in Berlin. Prof. von Weizsäcker ist Experte für Leber- und Gallenwegserkrankungen. Zu seinen Behandlungsschwerpunkten im Fachbereich Hepatologie zählen infektiöse Leberentzündungen wie Hepatitis B oder Hepatitis C und die Fettleber-Hepatitis (Steatohepatitis).
Herr Professor von Weizsäcker, wie sehen Sie als Experte für Leber- und Gallenwegserkrankungen den Stellenwert einer Überprüfung der Leberwerte, und bei welchen Patientinnen und Patienten empfehlen Sie eine entsprechende Blutuntersuchung?
Leber- und Gallenwegserkrankungen sind wichtig und kommen oft vor. Das Problem ist, dass sich Lebererkrankungen oft nicht in konkreten Symptomen manifestieren, sodass viele Betroffene gar nicht wissen, dass sie leberkrank sind. Aus meiner Sicht gehört eine Bestimmung der Leberwerte zu jeder Routineuntersuchung.
Eine Frage im Zusammenhang mit dem Motto des diesjährigen Deutschen Lebertages „Leber/wert/voll": Haben Sie aus Ihrem praktischen Alltag als Internist und Gastroenterologe den Eindruck gewinnen können, dass sich Patientinnen und Patienten dieser „Wertigkeit" des lebenswichtigen Organs Leber bewusst sind?
Die meisten Patientinnen und Patienten haben wenig Bewusstsein für dieses Organ. Es ist ein Organ, das in aller Regel schmerzfrei ist - Lebererkrankungen sind symptomarm. Die meisten Patientinnen und Patienten sind sich der Funktionsvielfalt dieses Organs nicht bewusst. Was die Patientinnen und Patienten meistens nur denken beziehungsweise wissen ist, dass ein erhöhter Alkoholkonsum nicht gut für ihre Leber ist. Aber dass die Leber auch krank sein kann, wenn man keinen oder nur wenig Alkohol trinkt, ist vielen Menschen nicht klar.
Angenommen Sie haben die Vermutung, bei einer Patientin oder einem Patienten könnte eine Lebererkrankung vorliegen. In welchen Stufen wird eine Diagnostik dann durchgeführt? Welche Leberwerte sind verdächtig und was wird genau in Augenschein genommen?
Zunächst wird die Patientin oder der Patient genau nach seiner Krankengeschichte gefragt. Dann erfolgt eine eingehende körperliche Untersuchung. Anschließend erfolgt das Labor-Screening, bei dem drei Kategorien von Leberwerten untersucht werden.
Eine Kategorie zeigt an, ob die Leberzellen intakt sind, das sind die so genannten Transaminasen. Dann gibt es Werte, die eine Aussage über die Funktion der Gallengänge ermöglichen, das sind Gamma GT und alkalische Phosphatase. Der Quick-Wert gibt Auskunft über die Syntheseleistung der Leber. Wenn die drei Kategorien Normalwerte ergeben, muss man zunächst nicht weitersuchen. Und wenn eine oder mehrere dieser Kategorien nicht in Ordnung sind, dann muss man weitere Tests durchführen und nach spezifischen Ursachen suchen. Außerdem sollte ein Ultraschall des Abdomens vorgenommen werden.
Häufig ist die hausärztliche Praxis für Patientinnen und Patienten die erste Anlaufstelle bei gesundheitlichen Problemen oder für Vorsorgeuntersuchungen. Da hausärztliche Praxen in der Regel die Betroffenen und das soziale Umfeld langjährig kennen, besteht hier oftmals eine sehr gute Vertrauensbasis. Bis zu welcher Diagnostikstufe kann die hausärztliche Praxis Leber-Untersuchungen durchführen, und ab wann sollten nach Ihrer Einschätzung Diagnostik und Behandlung in Kooperation mit einem Internisten oder Gastroenterologen erfolgen?
Das Laborscreening kann in einer hausärztlichen Praxis durchgeführt werden. Für einen begründeten Verdacht reicht es noch nicht, wenn die Leberwerte - beispielsweise die Transaminasen - nur einmalig milde bis mäßig erhöht sind. Nur wenn die Leberwerte wiederholt erhöht sind, sollte für die Spezialdiagnostik ein Hepatologe hinzugezogen werden.
Viele hausärztliche Praxen können auch eine Ultraschalluntersuchung durchführen und direkt vor Ort eine erste orientierende Bildgebung machen. Sollten dabei Befunde erhoben werden, die nicht gut einzuordnen sind, dann sollte an einen Facharzt überwiesen werden.
Ist es möglich, dass die Überprüfung der Leberwerte keine auffälligen Ergebnisse zeigt, dass aber trotzdem eine Erkrankung der Leber vorliegt?
Ja, das ist sogar ein sehr wichtiger Punkt. Es gibt fortgeschrittene Lebererkrankungen, bei denen es sogar schon zu einer narbigen Umbildung der Leber gekommen ist, der so genannten Leberzirrhose. Es gibt Patienten mit Leberzirrhose, die völlig normale Transaminasen haben. Das heißt aber nicht, dass die narbige Umbildung nicht stattgefunden hat. Normale Leberwerte schließen eine chronische Lebererkrankung also nicht aus.
Wichtig ist auch, dass wenn es noch nicht zu einer Leberzirrhose gekommen ist, die Höhe der Leberwerte schwanken kann. Zum Beispiel können bei einem Patienten mit einer Hepatitis C normale oder nur leicht erhöhte Werte gefunden werden. Und deswegen heißt ein Normalwert bei einer Laboruntersuchung nicht, dass die Leber nicht krank ist. Sollte ein konkreter Verdacht beispielsweise auf eine Infektion mit Hepatitisviren bestehen, sollten die Werte wiederholt kontrolliert werden. Eventuell ist es auch sinnvoll, eine Spezialdiagnostik zu veranlassen, auch wenn die Werte gar nicht erhöht sind.
Auch bei Lebererkrankungen gilt: Für den Erfolg einer Therapie ist die frühzeitige Entdeckung der Erkrankung wichtig. Herr Professor von Weizsäcker, sind Sie der Meinung, dass hausärztliche Praxen ausreichend für das Thema Lebererkrankungen und Leberwerte sensibilisiert sind?
Es gibt viele ausgezeichnet informierte Hausärzte. Aber in der Regel ist das Kapitel Hepatologie bei Hausärzten nicht die Priorität. Andere Erkrankungen wie Erkältungserkrankungen, Herz-Kreislauf- und Lungen-Erkrankungen stehen dort häufig im Vordergrund. Ich halte es für wichtig, dass zumindest die Transaminasen häufiger von Hausärzten bestimmt werden und dass die hausärztlichen Praxen dann bei mehrfach erhöhten Transaminasen den Kontakt zum Hepatologen aufnehmen.
Wo sehen Sie Optimierungspotenzial bei der Kooperation zwischen hausärztlichen Praxen und Internisten oder Gastroenterologen?
Ich bin davon überzeugt, dass die Öffentlichkeitsarbeit, wie zum Beispiel unser heutiges Interview im Rahmen des Deutschen Lebertages, extrem wichtig ist. Das Entscheidende ist Information. Wenn fundierte Informationen an die hausärztlichen Praxen weitergegeben werden, wird es an den Hausärzten nicht scheitern. Es besteht keine Animosität zwischen Hausarzt und Hepatologen, sondern es ist das fehlende Bewusstsein für die Lebererkrankung, das häufig zu einer Unterdiagnostik führt. Hausärzte müssen regelmäßig darüber informiert werden, was es aktuell im Bereich Hepatologie gibt und wonach gesucht werden muss. Nur wenn das Bewusstsein für Lebererkrankungen geschärft wird, kann die kooperative Zusammenarbeit im Sinne der Patientinnen und Patienten optimiert werden.
Herr Professor von Weizsäcker, was tun Sie persönlich für Ihre Lebergesundheit, und haben Sie einen „Alltagstipp" für mehr Lebergesundheit?
Ich persönlich muss mich im Rahmen meiner ärztlichen Tätigkeit regelmäßig vom Betriebsarzt untersuchen lassen und weiß anschließend, ob meine Leberwerte in Ordnung sind.
Ich trinke selten Alkohol. Selbstverständlich ist das Geschmackssache und ich möchte kein Moralapostel sein. Worauf jeder allerdings achten sollte und könnte, ist das Körpergewicht. Wir wissen, dass ein erhöhtes Körpergewicht, also Fettleibigkeit, auch die Leber gefährden kann.
Übergewichtige Menschen haben zu einem hohen Prozentsatz auch einen erhöhten Fettanteil in der Leber. Eine Leberverfettung kann bei einigen Patienten zu einer Leberentzündung führen. Das heißt also, man sollte auch im Hinblick auf die Lebergesundheit darauf achten, dass man möglichst nicht übergewichtig wird. Ich weiß aus persönlicher Erfahrung, dass das nicht immer einfach ist. Je nach Lokalisation der Fettpolster unterscheidet sich der Krankheitswert, den Übergewicht mit sich bringt. Wenn jemand beispielsweise zu viel Fett an der Hüfte hat, ist das vielleicht für die Gesamtbelastung der Gelenke ungünstig, aber es ist ansonsten nicht gefährlich. Hingegen funktioniert das Bauchfett wie eine Drüse. Und diese Drüse kann Botenstoffe ins Blut abgeben, die eine Entzündung der Leber auslösen aber auch die Ausbildung einer Arteriosklerose begünstigen. Eine Leber mit hohem Fettanteil und entzündlichen Veränderungen (Steatohepatitis) kann langfristig zu narbigen Veränderungen und zur Zirrhose führen, ähnlich wie eine Virushepatitis.
Dies ist eine unserer größten Herausforderungen. Da das Übergewicht in der Bevölkerung immer mehr zunimmt, steigt auch die Zahl der Patienten mit Steatohepatitis. War es noch früher ein Wohlstandsmerkmal, wenn jemand ein kleines Bäuchlein hatte, hat man also mittlerweile erkannt, dass Bauchfett gesundheitsgefährdend ist. Nicht nur das Risiko einer Steatohepatitis steigt an, sondern auch das Risiko für die Entwicklung von Bluthochdruck, der Zuckerkrankheit und Herzerkrankungen.
Wer also ohne Arztbesuch etwas für seine Gesundheit tun möchte, sollte versuchen, möglichst wenig Bauchfett anzusetzen oder vorhandenes Bauchfett zu reduzieren.
Quelle: Deutsche Leberstiftung, Deutsche Leberhilfe e. V., Gastro-Liga e. V.
