14.08.2020

COVID-19 bei chronischen Darmerkrankungen

Das Risiko einer Infektion mit dem Coronavirus und eines schweren Verlaufs ist bei Patienten mit gastroenterologischen Erkrankungen nicht generell erhöht und hängt von der Therapie ab.

Das Risiko, sich mit dem SARS-CoV-2-Virus zu infizieren, ist bei Patienten mit chronisch-entzündlicher Darmerkrankung nicht generell erhöht. Es muss differenziert betrachtet werden und hängt unter anderem von der jeweiligen medikamentösen Therapie ab.

Eine erhöhte Gefährdung besteht unter einer Immunsuppression und speziell unter systemischen Steroiden. Nicht erhöht ist hingegen die Infektionsgefahr unter einer Behandlung mit Mesalazin oder Budesonid, berichtete Prof. Dr. Andreas Stallmach, Jena, beim Live Webinar „IX. Potsdamer Gastroenterologisches Seminar“ der Falk Foundation e.V.

Viele Patienten mit chronischer gastroenterologischer Erkrankung wie einem Morbus Crohn oder einer Colitis ulcerosa sorgen sich derzeit mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert zu werden und haben Angst vor einem potenziell schweren Verlauf einer COVID-19-Infektion. So hat eine Befragung von rund 500 Patienten mit chronisch-entzündlicher Darmerkrankung (CED) ergeben, dass die Patienten seltener als in einer Kontrollgruppe das Haus verlassen. Sie haben vor allem größere Angst, sich beim Arztbesuch oder bei einem eventuell erforderlichen Klinikaufenthalt mit dem Virus anzustecken. Etwa 20% der Patienten haben sogar ihren Arzt um eine Krankmeldung gebeten, um keinem Infektionsrisiko am Arbeitsplatz ausgesetzt zu sein. Die größten Befürchtungen haben Patienten, die mit immunsuppressiv wirksamen Medikamenten behandelt werden.

„Leider informieren sich die Patienten im Allgemeinen nicht bei ihrem behandelnden Arzt oder bei Selbsthilfegruppen über das tatsächliche Infektions- und Erkrankungsrisiko, sondern eher in den Medien, bei Familienangehörigen oder Freunden und Bekannten“, so Stallmach. „Wir müssen daher aktiv auf unsere CED-Patienten zugehen, ihre möglichen Sorgen ansprechen und ihnen adäquate Informationen anbieten“.

Dabei ist zu betonen, dass 80% der Infektionen symptomlos oder mild verlaufen. Lediglich 20% der Patienten mit einer COVID-19-Infektion zeigen einen schweren Verlauf und bei diesen ist nur bei einem geringen Prozentsatz eine Beatmung und eine Behandlung auf der Intensivstation erforderlich.

Wie die Risikosituation bei einem individuellen Patienten mit gastroenterologischer Erkrankung zu bewerten ist, muss differenziert betrachtet werden. Es hängt von der Grunderkrankung und auch von der jeweiligen Medikation ab. „Es macht einen großen Unterschied, ob der Patient an einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung leidet oder eine dekompensierte Leberzirrhose aufweist“, betonte Stallmach. Zwar fehlen hierzu noch ausreichende epidemiologische Daten, doch es ist davon auszugehen, dass das Infektionsrisiko bei CED-Patienten mit dauerhaftem Nachlassen der Krankheitsbeschwerden (in Remission), die keine immunsuppressive Therapie erhalten, nicht relevant erhöht ist.

Aktuellen Befunden zufolge weisen CED-Patienten, die mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert sind, höhere CRP- und Calprotectin-Werte sowie eine ausgeprägtere klinische und auch endoskopische Krankheitsaktivität auf und werden häufiger als nicht infizierte Patienten mit systemischen Steroiden behandelt. Ob daraus der Schluss zu ziehen ist, dass Patienten mit höherer Krankheitsaktivität ein erhöhtes Infektionsrisiko tragen oder ob möglicherweise die COVID-19-Infektion die Symptome der CED verschlechtert und daher systemische Steroide verordnet werden, ist nach Stallmach derzeit noch nicht abschließend zu beurteilen.Auffällig aber ist entsprechend der aktuellen Befunde, dass CED-Patienten mit einer COVID-19-Infektion seltener eine intensivmedizinische Behandlung oder eine Beatmung benötigen und zudem auch eine geringere Mortalität aufweisen als Patienten mit COVID-19-Infektion ohne CED.

Auch die jeweilige Medikation spielt eine wichtige Rolle. So hat sich bei Patienten mit Hauterkrankungen gezeigt, dass diejenigen, die mit Biologika behandelt werden, ein höheres Infektionsrisiko aufweisen als jene ohne Therapie mit Biologika. Die Infektionsgefahr ist somit von der medikamentösen Therapie abhängig, die der Patient erhält und das dürfte auch für CED-Patienten gelten. Kein erhöhtes Infektionsrisiko besteht demnach laut Stallmach unter der Behandlung mit Mesalazin sowie unter Budesonid. Auch unter Vedolizumab und Ustekinumab ist nicht von einer erhöhten Gefährdung auszugehen. Anders sieht das allerdings bei Patienten aus, die mit systemischen Steroiden behandelt werden, insbesondere bei hochdosierter Steroidgabe (mehr als 20 mg/Tag). Auch unter JAK-Inhibitoren wie Tofacitinib sowie unter anti-TNF-Antikörpern (insbesondere in Kombination mit einem Immunsuppressivum) ist von einer erhöhten Infektionsgefahr auszugehen.

Quelle: Falk Foundation e.V.

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