Herzinfarkt: Therapie

Bei der Durchführung der Therapie gilt: Jede Minute zählt - „time is muscle"! Je schneller sie eingeleitet wird, desto mehr Herzmuskelgewebe kann vor dem Untergang gerettet werden, weniger Komplikationen treten auf und die Gefahr einer chronischen Herzschwäche wird vermindert. Die Prognose hängt daher entscheidend davon ab, wie schnell der Notarzt eintrifft und wie weit der Patient von einem Krankenhaus entfernt ist. Auf dem Land sind die Anfahrtswege beispielsweise oft lang, hier ist manchmal der Transport mit einem Hubschrauber notwendig.

Erstmaßnahmen

Ist der Notarzt eingetroffen, werden vor Ort folgende Erstmaßnahmen eingeleitet:

  • Lagerung mit angehobenem Oberkörper
  • Sauerstoffzufuhr über eine Nasensonde, wenn Sauerstoffsättigung < 95%, bei Atemnot oder akuter Herzschwäche
  • Legen eines venösen Zuganges, um darüber Medikamente zu verabreichen
  • Anschließen des Patienten an ein EKG bzw. Monitor mit Überwachung der Herzfrequenz, des Herzrhythmus, der Sauerstoffsättigung und des Blutdruckes
  • Defibrillationsbereitschaft des Rettungsteams

Gabe von Medikamenten

abhängig von der Standardmedikation des Patienten:

  • Nitroglycerin (1 Kapsel unter die Zunge (nicht bei Blutdruck unter 90mmHg!) oder 2 Sprühstöße)
  • Aspirin 250 mg i.v. (eventuell andere/weitere Aggregationshemmer oder Antikoagulantien in Absprache mit den regionalen medizinischen Zentren)
  • Betablocker bei erhöhter Pulsfrequenz (Tachykardie)
  • Morphin oder Diazepam (Valium), um den Patienten zu beruhigen und die Schmerzen zu nehmen
  • Atropin bei sehr langsamen Puls

Wiedereröffnung des betroffenen Herzgefäßes (Reperfusionstherapie)

Die weitere Therapie hängt von der Ausstattung des angesteuerten Krankenhauses ab und sollte beim ST-Hebungsinfarkt innerhalb der ersten 90 bis maximal 120 Minuten nach Schmerzbeginn erfolgen. Ziel ist es, eine Wiedereröffnung (Reperfusion) des verschlossenen Gefäßes zu erreichen und gefährdetes Herzmuskelgewebe zu retten.
Ist eine kardiologische Abteilung mit einem Herzkatheterlabor vorhanden, wird daher in der Regel umgehend eine Koronarangiografie mit Ballondilatation/PTCA und Stentimplantation eingeleitet. D.h. nach der Aufdehnung der Herzkranzgefäße (=Ballondilatation/PTCA) wird eine Gefäßstütze aus Edelstahl (=Stent) an der Engstelle platziert, um einen erneuten Verschluss zu verhindern. Die innerhalb von 60-90 Minuten nach Schmerzbeginn durchgeführte Ballondilatation/PTCA gilt heute bei akutem Herzinfarkt als Therapie der ersten Wahl.

Wird der Patient in ein Krankenhaus ohne diese Ausstattung gebracht und kann nicht innerhalb von 120 Minuten in ein PCI-Zentrum verlegt werden, sollte innerhalb 30 min eine Fibrinolyse durchgeführt werden. Dabei wird versucht, mit intravenös verabreichten Medikamenten (Fibrino- bzw. Thrombolytika) das Blutgerinnsel aufzulösen, so dass die Durchblutung des Gefäßes wieder funktioniert. Innerhalb der nächsten 3 - 24 Stunden sollte dann eine Verlegung in ein kardiologisches Zentrum zur Koronarangiographie erfolgen.

Besonderheiten im therapeutischen Vorgehen

Bei Patienten mit so genannten Nicht-ST-Hebungsinfarkten (NSTEMI) - ist ein Nutzen der unverzüglichen Reperfusionstherapie (Ballondilatation/PTCA) nicht belegt. Indikation und Zeitpunkt invasiver Diagnostik (Koronarangiographie) sind vom klinischen Bild (niedriges oder hohes Risiko durch refraktäre Angina pectoris, Herzinsuffizienz, lebensbedrohliche ventrikuläre Arrhythmien etc.) abhängig zu machen. Eine generelle invasive Strategie ist bei Patienten mit niedrigem Risiko nicht empfohlen. Unmittelbar nach Diagnosestellung sollte die Therapie mit oralen Thrombozytenaggregationshemmern, Antikoagulation und antiischämisch wirksamen Substanzen durchgeführt werden. Ist eine Koronarangiographie vorgesehen, sollte diese je nach Dringlichkeit im Zeitraum zwischen 2-72 Stunden durchgeführt werden

Weitere Maßnahmen

Nach erfolgreicher Akuttherapie wird der Patient je nach Kreislaufstabilität noch mindestens für 2-3 Tage auf der Intensivstation überwacht. Die Überwachung beinhaltet ein kontinuierliches Monitoring von EKG und Blutdruck. Die medikamentöse Weiterbehandlung besteht gewöhnlich in: Azetylsalizylsäure (ASS), nach Stent in Kombination mit Clopidogrel, Prasugrel oder Ticagrelor, ACE-Hemmer oder AT1-Antagonisten, Betablocker und einem Cholesterinsenker (Statin). Außerdem wird der Patient unter krankengymnastischer Anleitung allmählich mobilisiert.

Verlauf und Rehabilitation

Bei unkompliziertem Verlauf beträgt der Krankenhausaufenthalt zwischen 7 und 14 Tagen. Danach wird eine Anschlussheilbehandlung in einer Rehabilitationsklinik oder einem ambulanten Therapiezentrum durchgeführt. Dort stehen Bewegungstherapie, Gesundheitserziehung und psychische Stabilisierung auf dem Programm. Weiter empfiehlt sich die Teilnahme an ambulanten Herzgruppen, um die Wiedereingliederung ins Alltags- und Berufsleben zu erleichtern.

Alle Infarkt-Patienten sollten, wenn keine Kontraindikationen vorliegen, d.h. nichts gegen die Einnahme spricht, dauerhaft folgende Medikamente nehmen:

  • Betablocker
  • Azetylsalizylsäure (ASS)
  • Cholesterinsenker (Statine)
  • ACE-Hemmer oder AT1-Antagonisten

Diese Präparate verbessern die Prognose und verringern die Gefahr eines erneuten Infarktes. In jedem Fall sollten Patienten nach einem überstandenen Herzinfarkt sich regelmäßig von ihrem Internisten bzw. Kardiologen durchchecken lassen.

Wichtiger Hinweis

Sobald der Verdacht auf einen Herzinfarkt vorliegt, dürfen keine Medikamente mehr intramuskulär verabreicht werden. Dies würde eine eventuell anstehende Lyse-Therapie zur Auflösung von Blutgerinnseln verhindern, da es dann zu kräftigen Blutungen in dem betreffenden Muskel kommen kann.

Experte: Wissensch. Beratung und Ausarbeitung: Prof. Dr. med. Wolfram Delius, München

Literatur:
Rationelle Diagnostik und Therapie in der Inneren Medizin in 2 Ordnern Meyer, J. et al. (Hrsg.)
Elsevier 5/2017

Letzte Aktualisierung: 18.08.2017

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