Impfung gegen Meningokokken-Erkrankung

Angesichts der genannten Schwierigkeiten bei der Diagnose zu Beginn einer invasiven Meningokokken-Infektion, sowie der oft schweren Krankheitsverläufe und der hohen Sterblichkeit bei Meningokokken-Erkrankungen hat deren Vorbeugung (Prävention) einen besonders hohen Stellenwert (siehe auch Therapie/ Umgebungsprophylaxe). Zuverlässigen Schutz kann allerdings nur eine Impfung bieten.

Meningokokken lassen sich - je nach Zusammensetzung der Zuckerbausteine (Polysaccharide) in ihrer Außenhülle - in verschiedene Serogruppen unterteilen, die mit Buchstaben bezeichnet werden. Impfstoffe können gegen eine einzelne Serogruppe gerichtet sein (z. B. gegen Meningokokken C) oder gegen eine Kombination von Serogruppen (z. B. gegen Meningokokken A und C oder gegen Meningokokken A, C, W und Y).

Verschiedene Klassen von Impfstoffen

Es gibt unterschiedliche Klassen von Impfstoffen. Die ersten Meningokokken-Impfstoffe, die entwickelt wurden, bestanden im Wesentlichen aus den Zuckerbausteinen der Bakterienhülle - entsprechend werden sie als Polysaccharid-Impfstoffe bezeichnet. Bei den bislang verfügbaren Kombinationsimpfstoffen gegen Meningokokken A und C sowie gegen Meningokokken ACWY handelt es sich um solche Polysaccharid-Impfstoffe.

Polysaccharid-Impfstoffe haben allerdings den Nachteil, dass sie bei Säuglingen und Kleinkindern nicht gut wirksam sind. Ursache dafür ist, dass das unreife Immunsystem von Kindern in diesem Alter noch nicht effektiv auf die reinen Polysaccharide, aus denen diese Impfstoffe bestehen, reagiert. Daher wurden zum Ende des letzten Jahrtausends so genannte Konjugatimpfstoffe entwickelt. Für diese Impfstoffe werden die Zuckerbausteine der Bakterienhülle chemisch an ein Trägereiweiß gebunden (konjugiert). Durch diesen Trick kann das Immunsystem mit einer verbesserten und umfassenderen Immunantwort auf die Impfung reagieren.

Der erste Konjugatimpfstoff, der entwickelt wurde, war ausschließlich gegen Meningokokken C gerichtet. Großbritannien war das erste Land, das eine groß angelegte Impfkampagne gegen Meningokokken C mit den damals neu verfügbaren Meningokokken C-Konjugatimpfstoffen durchgeführt hat. Geimpft wurden zwischen 1999 und 2002 alle Altersgruppen von 2 Monate bis 25 Jahre. Dadurch konnte die Anzahl von Meningokokken C-Infektionen in diesem Zeitraum um 95% gesenkt werden. Es konnte auch ein Rückgang der Fallzahlen bei ungeimpften Personen nachgewiesen werden. Inzwischen sind mehrere europäische Länder dem Beispiel Großbritanniens gefolgt und haben Konjugat-Impfstoffe gegen Meningokokken der Gruppe C eingeführt. So haben Irland, Spanien und die Niederlande Massenimpfungen gegen Meningokokken C begonnen.

Meningokokken der Serogruppe C sind allerdings für weniger als ein Drittel der Infektionen in Europa verantwortlich (siehe auch Häufigkeit der Erkrankungen). Seit März 2010 ist in der EU zudem ein neuer Konjugatimpfstoff gegen Meningokokken ACWY (Menveo) zugelassen, der gegen vier Serogruppen zugleich (nämlich gegen A, C, W135 und Y) wirksam ist.

Vorteile der Konjugatimpfstoffe

Moderne Konjugatimpfstoffe weisen im Gegensatz zu herkömmlichen Polysaccharid-Impfstoffen eine Reihe von Vorteilen auf:

  • Schützen besser: Konjugatimpfstoffe besitzen eine höhere Immunogenität, d.h. nach der Impfung werden mehr Antikörper gegen die Erreger gebildet. (Diese Antikörper sind gegen die jeweiligen Meningokokken-Serogruppen gerichtet, um die Erreger zu neutralisieren und so zum Schutz vor einer Infektion beizutragen.) Höhere Antikörperspiegel im Blut weisen insofern auf eine höhere Schutzwirkung hin.
  • Schützen länger: Nach der Impfung mit einem Konjugatimpfstoff bildet das Immunsystem ein Immungedächtnis aus. Denn durch Konjugatimpfstoffe werden andere Arten von Immunzellen angeregt als durch Polysaccharid-Impfstoffe. Bei der Impfung mit einem Konjugat-Impfstoff bilden sich sogenannte T-Gedächtniszellen, die über einen langen Zeitraum im Körper zirkulieren. Dadurch kann das Immunsystem bei einer tatsächlichen Infektion mit Meningokokken eine schnelle und effiziente Immunantwort auslösen und die Erreger abwehren. Bei einer Impfung mit einem Polysaccharid-Impfstoff werden demgegenüber keine T-Gedächtniszellen gebildet. Die Schutzdauer von Konjugatimpfstoffen ist somit gegenüber Polysaccharid-Impfstoffen verlängert.
  • Führen in allen Altersgruppen zu einer robusten Immunantwort - im Gegensatz zu Polysaccharid-Impfstoffen, die bei Säuglingen und Kleinkindern nicht gut wirksam sind. Dies ist von besonderer Bedeutung, weil gerade Säuglinge und Kleinkinder wegen ihres unreifen Immunsystems besonders häufig von Meningokokken-Erkrankungen betroffen sind.
  • Ermöglichen Auffrischung des Impfschutzes: Dank des Immungedächtnisses kann die Impfung mit einem Konjugatimpfstoff auch aufgefrischt werden.
  • Reduzieren Anzahl der Bakterienträger: Im Gegensatz zu den Polysaccharid-Impfstoffen führt eine Impfung mit einem Konjugatimpfstoff dazu, dass keine Meningokokken mehr unerkannt im Nasen-Rachenraum siedeln können, d.h. die Anzahl der beschwerdefreien (asymptomatischer) Träger in der Bevölkerung wird reduziert - und somit das Ansteckungsrisiko.
  • Tragen zum Aufbau einer Herdenimmunität bei: Bei Verwendung von Konjugatimpfstoffen wird der Aufbau einer so genannten Herdenimmunität möglich. Darunter versteht man das Phänomen, dass bei einer ausreichend hohen Impfrate auch ungeimpfte Personen vor einer Ansteckung geschützt sind, weil sich der Erreger nicht weiter in der Bevölkerung ausbreiten kann. Dies ist wichtig für Personen, die nicht geimpft werden können (z.B. Neugeborene oder Menschen, die an einem Immundefekt leiden). Im Fall der Meningokokken beträgt die nötige Impfrate für eine Herdenimmunität ca. 85%. Dabei ist eine Immunisierung (das heißt eine einzelne Impfung) ausreichend, um optimal vor Meningokokken-Erkrankungen geschützt zu sein. Die Antikörper werden innerhalb von vier Wochen gebildet, dann besteht bereits der volle Impfschutz.

Eigenschaften der Konjugatimpfstoffe

Konjugatimpfstoff gegen Meningokokken C

Die unter Umständen schlimmen Folgen einer Meningokokken-C-Erkrankung können bereits bei den Kleinsten (Kinder ab 2 Monaten bis zu 12 Monaten) durch 2 Impfungen im Abstand von mindestens 2 Monaten (eine weitere Auffrischung wird empfohlen) vermieden werden. Kinder nach dem vollendeten 12. Lebensmonat, Jugendliche und Erwachsene erhalten eine einmalige Injektion. In einigen europäischen Ländern erfolgt im Jugendlichenalter eine Auffrischungsimpfung, die bislang in Deutschland nicht empfohlen ist. Die Kosten für die Impfung übernehmen die Krankenkassen bundesweit, wenn sie im 2. Lebensjahr erfolgt. Wurde dieser Termin versäumt, empfiehlt die STIKO eine schnellstmögliche Nachholimpfung durch den Haus- bzw. Kinder- und Jugendarzt. Erfolgt die Impfung vor Vollendung des 18. Lebensjahres, sollten die Krankenkassen hierfür die Kosten tragen. Ganz sicher gehen Sie, wenn Sie bei Ihrer Krankenkasse nach der Kostenübernahme fragen.

Konjugatimpfstoff gegen Meningokokken ACWY

Der neue Konjugatimpfstoff gegen Meningokokken ACWY (Menveo) ist gut verträglich, wirksam und bisher für Kleinkinder, Kinder und Jugendliche ab zwei Jahren sowie Erwachsene zugelassen. Auch für die Anwendung bei jüngeren Kindern und Säuglingen wird bald eine Zulassung angestrebt. Dieser Impfstoff kann wegen seiner guten Verträglichkeit auch zeitgleich mit den Impfungen zur Vorbeugung von Gebärmutterhalskrebs und der gegeben Kombinationsimpfung gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten werden. Die Kosten für diese Impfung werden von vielen Krankenkassen erstattet - ist aber im Einzelfall zu erfragen.

Mehrkomponentenimpfstoff gegen Meningokokken B

Auch ein neuer Mehrkomponentenimpfstoff gegen Meningokokken B (Bexsero) wird demnächst in der EU zur Verfügung stehen. Er bietet eine breite Stammabdeckung, d.h. er ist gegen einen Großteil der zirkulierenden, potenziell tödlichen Meningokokken-Stämme der Serogruppe B wirksam.

Angesichts der enormen Vielfalt weltweit vorkommender Meningokokken B-Stämme stellte die Entwicklung eines effektiven Impfstoffes mit breiter Stammabdeckung eine ziemliche Herausforderung dar. Schwierigkeiten bereitet beispielsweise, dass die üblicherweise als Antigen verwendete Polysaccharidkapsel - ein Bestandteil des Bakteriums - im Falle der Serogruppe B nur eine schwache oder keine gewünschte Immunreaktion hervorruft. Zudem unterscheiden sich die Polysaccharidkapseln der B-Meningokokken regional erheblich und können sich mit der Zeit stärker wandeln als bei anderen Serotypen.

Im Endeffekt wurde der neue Mehrkomponentenimpfstoff mit Hilfe eines innovativen Ansatzes entwickelt, der als reverse Vakzinologie bezeichnet wird. Im Gegensatz zu konventionellen Methoden der Impfstoffentwicklung entschlüsselt man hierbei zunächst das Erbgut (d. h. die Genomsequenz von Menigokokken B-Stämmen) und wählt dann die Proteine aus, die als Antigene in einem zukünftigen Impfstoff höchstwahrscheinlich eine breite Wirksamkeit aufweisen. Auf diese Weise enthält der neue Impfstoff mehrere Komponenten, die unabhängig voneinander hochimmunogen sind und gemeinsam das Potenzial besitzen, Schutz gegen ein breites Spektrum an krankheitserregenden Stämmen zu bieten.

Für den neuen Mehrkomponentenimpfstoff gegen Meningokokken B wurden vier verschiedene Antigen-Komponenten ausgewählt, die für das Überleben, die Funktionsfähigkeit und Infektiosität der Bakterien wichtig sind - und zwar für die meisten der weltweit verbreiteten Meningokokken B-Stämme. Da die Mehrzahl der Stämme von mehr als einem der im Impfstoff enthaltenen Antigene abgedeckt werden, können die meisten Erkrankungen (sowohl durch die zahlreichen zirkulierenden Meningokokken B-Stämme als auch durch mögliche genetische Shift-Varianten) verhindert werden. So deckt der neue Mehrkomponentenimpfstoff rund 80 Prozent von mehr als 800 genetisch verschiedenen krankheitserregenden Stämmen ab, die in Europa in den letzten Jahren auftraten.

Auch der neue Mehrkomponentenimpfstoff gegen Meningokokken B kann bei Säuglingen und Kleinkindern entweder zeitgleich mit anderen routinemäßig verabreichten Impfstoffen oder im Rahmen eines flexiblen Impfplans einzeln gegeben werden.

Impfempfehlungen der STIKO

Basierend auf den verschiedenen Serogruppen, die weltweit eine unterschiedliche geografische Verbreitung aufweisen sowie im Hinblick auf die Häufigkeit & Altersverteilung der Meningokokken-Erkrankungen und den derzeit zur Verfügung stehenden Impfstoffen hat die STIKO eine Reihe von Empfehlungen zur Schutzimpfung gegen Meningokokken ausgesprochen:

  • Generelle Empfehlung: Seit 2006 empfiehlt die STIKO, alle Kinder im 2. Lebensjahr mit einem Konjugatimpfstoff gegen Meningokokken C zu impfen. Ist die Impfung zu diesem Zeitpunkt nicht erfolgt, sollte sie bis zum vollendeten 17. Lebensjahr nachgeholt werden.
  • Bei gesundheitlich gefährdeten Personen sowie bei gefährdetem Laborpersonal wird derzeit eine Impfung mit einem Konjugatimpfstoff gegen Meningokokken C, gefolgt von einer Impfung mit einem Polysaccharid-Impfstoff gegen Meningokokken ACWY, empfohlen.
  • Für Reisende empfiehlt die STIKO eine Impfung für alle Personen, die in Länder reisen, in denen Meningokokken-Erkrankungen vorkommen. Dies gilt besonders, wenn sie Kontakt zur einheimischen Bevölkerung haben und sich somit anstecken können. Informationen darüber, welche Länder dies betrifft, findet man bei der WHO bzw. beim reisemedizinischen Dienst des Auswärtigen Amtes. Besonders hervorgehoben durch die STIKO werden Hadj-Pilger, für die eine Impfung gegen Meningokokken A,C,W und Y für die Einreise nach Saudi-Arabien vorgeschrieben ist. Schüler und Studenten sollen ebenfalls, sobald diese einen längeren Aufenthalt in einem Land mit empfohlener allgemeiner Impfung für Jugendliche oder selektiver Impfung für Schüler und Studenten planen, nach den Empfehlungen des Ziellandes geimpft werden.
  • Im Jahr 2009 neu in die STIKO-Empfehlungen aufgenommen wurde die Empfehlung zur Impfung von engen Kontaktpersonen eines Erkrankten. Diese haben ein deutlich erhöhtes Risiko, selbst an einer Meningokokken-Infektion zu erkranken. Daher sollen sie - zusätzlich zur vorbeugenden Einnahme von Antibiotika - auch so bald wie möglich nach dem Kontakt zu dem Erkrankten eine Impfung erhalten. Dies setzt voraus, dass festgestellt wird, durch welche Serogruppe die Erkrankung ausgelöst wurde, und dass gegen diese Serogruppe ein Impfstoff zur Verfügung steht. An dieser Stelle verweist die STIKO in den Erläuterungen zu den Empfehlungen 2009 bereits auf die erwartete Zulassung eines Konjugatimpfstoffs gegen Meningokokken ACWY, der nach der erfolgten Zulassung für diesen Zweck anstelle des herkömmlichen Polysaccharid (PS)-Impfstoffs verwendet werden soll.
  • Bei Krankheitsausbrüchen durch Meningokokken besteht zur langfristigen Senkung des Infektionsrisikos außerdem die Möglichkeit einer Impfung (der sog. Riegelungsimpfung) von Kontaktpersonen bzw. möglicherweise gefährdeter Gruppen, wenn es sich bei dem Ausbruch um eine Serogruppe handelt, gegen die ein Impfstoff zur Verfügung steht. Diese Möglichkeit ist von der Ständigen Impfkommission (STIKO) für definierte Ausbrüche oder regional gehäufte Erkrankungen vorgesehen und wird im Einzelfall von den zuständigen Gesundheitsbehörden entschieden

Bisherige Impfpraxis in Deutschland unzureichend

Seit 2006 empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut  für Deutschland die Impfung für alle Kinder im zweiten Lebensjahr gegen Meningokokken C. Eine direkte Gegenüberstellung von Impfrate und Fallzahlen fällt jedoch schwer, weil für Deutschland nur lückenhafte Daten zur Impfabdeckung vorliegen. Die ebenfalls empfohlene Nachholimpfung bis zum vollendeten 17. Lebensjahr - falls die Impfung im 2. Lebensjahr verpasst wurde - wird in der Praxis offenbar nur zögerlich umgesetzt. Nur etwa 20% aller Jugendlichen in Deutschland sind gegen Meningokokken C geimpft. Ein Rückgang der Fallzahlen bei Jugendlichen lässt sich daher nicht beobachten. Auch Au Pairs, Austauschschüler und Studenten, die sich länger in Ländern aufhalten, in denen Kindern und Jugendlichen routinemäßig eine Meningokokken-C-Impfung empfohlen wird, sollten sich vorher impfen lassen.

Eine Impfung schützt die geimpfte Person nicht nur vor dem Ausbruch einer Meningitis durch Meningokokken C, sondern verhindert auch, dass ein Mensch durch Ansteckung unbemerkter Träger des Erregers wird und diesen an andere weitergibt. Durch eine Impfung werden also über den Individualschutz hinaus auch nicht geimpfte Mitmenschen geschützt. Man spricht im Fachjargon auch von Herdenimmunität. Dieser Schutz ist umso größer, je mehr Menschen geimpft sind und damit kein Erregerreservoir mehr bilden. Eine weitgehende Durchimpfung der Bevölkerung gegen die Krankheit ist deshalb ein wichtiger Schritt im Kampf gegen den Erreger.

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